Michael

Wer in den Achtzigerjahren aufgewachsen ist, kam an der Musik von Michael Jackson nicht vorbei. Sie lief im Radio rauf und runter und dominierte die Charts, hatte der Mann doch einen Nummer-eins-Hit nach dem anderen. Neben Madonna und Prince war er der Superstar dieser Dekade. Persönlich hatte ich nie etwas gegen seine Musik, kann mich aber nicht erinnern, ob ich auch nur einen seiner Songs auf meiner Playlist … ähm, auf einem meiner vielen Mixtapes hatte.

Abgesehen von seiner Musik wurde damals auch viel über die Person Michael Jackson diskutiert und spekuliert, über seine Schönheitsoperationen, seine immer heller werdende Haut und später auch über die Missbrauchsvorwürfe. Er war immer eine schillernde Persönlichkeit, über die man gerne mehr gewusst hätte als das, was die Klatschpresse zu berichten hatte, weshalb ein Bio-Pic über ihn grundsätzlich interessant ist. Schließlich sind wir doch alle neugierig auf den wahren Menschen hinter dem sorgsam gepflegten öffentlichen Image.

Als der erste Teaser-Trailer herauskam, war ich jedoch enttäuscht, weil er so profan und einfallslos wirkte. Da war kein Glamour, kein Zauber, nichts, was neugierig gemacht hätte. Dann kam der etwas bessere Haupttrailer, und wir konnten zudem vorab einige längere Ausschnitte sehen, die mich mit dem Projekt halbwegs versöhnt haben.

Michael

Mitte der Sechzigerjahre unterwirft der Stahlarbeiter Joseph Jackson (Colman Domingo) seine Söhne einem harten Drill, um ihre musikalische Ausbildung zu fördern und aus ihnen eine Gesangsgruppe zu formen. Eiserne Disziplin und ständiges Üben stehen auf der Tagesordnung, und Joseph schreckt auch vor psychischer Manipulation und körperlicher Züchtigung nicht zurück, um sein Ziel zu erreichen. Innerhalb weniger Jahre gelingt ihnen der Durchbruch, vor allem dank Michaels (Juliano Valdi) außergewöhnlicher Stimme. Doch als Michael (Jafaar Jackson) schließlich erwachsen ist, will er sich stärker von seinem Vater emanzipieren und strebt mit der Hilfe des Produzenten Quincy Jones (Kendrick Sampson) eine Solokarriere an.

Das Bio-Pic von Antoine Fuqua erzählt in erster Linie von Michaels Kindheit und seinem großen Durchbruch als Ausnahmekünstler, der mehr Alben verkauft hat als jeder andere Star. Woran sich wohl auch nichts mehr ändern wird, es sei denn, Plattenkäufe kommen irgendwann wieder in Mode. Die Kindheit nimmt jedoch nur einen relativ kleinen Teil der Handlung ein, was schade ist, denn Juliano Valdi ist großartig in seiner Rolle. Ausgespart wurde beispielsweise auch die Tatsache, dass Jackson bereits als Teenager eine Solokarriere gestartet und ein paar Charterfolge erzielt hat.

Stattdessen konzentriert sich das Drehbuch von John Logan auf seinen langen Abnabelungsprozess, der um das Jahr 1980 herum einsetzte. Michael schreibt eigene Songs und kreiert jenen Sound, der ihn weltweit berühmt machen sollte. Dank eines neuen Anwalts, gespielt von Miles Teller, gelingt ihm schließlich, sich von Josephs Management zu befreien, kann ihm aber nie ganz entkommen. So geht er später auf Drängen seines Vaters noch auf eine Tournee mit den Jackson Five, obwohl er inzwischen schon ein Superstar ist. Mit verheerenden Folgen.

Wer hier nun ein psychologisch fundiertes Drama erwartet, das diese missbräuchlich geprägte Vater-Sohn-Beziehung genauer ausleuchtet, dürfte enttäuscht werden. Logan konzentriert sich auf das, was jeder aus den Klatschspalten jener Zeit wusste und fügt dem nichts Neues hinzu. Michael nennt Joseph immer nur beim Vornamen, was die emotionale Distanz zwischen ihnen verdeutlichen soll, er kann ihm so gut wie nie in die Augen sehen – aber es gibt kaum einen gut ausgearbeiteten Konflikt oder eine Szene, die in Erinnerung bleiben würde. Immerhin spielt Colman Domingo Joseph mit der unheimlichen Intensität eines lauernden Raubtiers, so dass einem gelegentlich ein Schauer über den Rücken läuft. Insgesamt hätte man sich aber mehr Substanz gewünscht.

Michael ist reiner Fanservice, eine Kompilation seiner größten Hits, eingebettet in einige hübsch anzusehende Szenen aus dem dazugehörigen Lebensabschnitt. Viel Musik, wenig Inhalt. Dem Menschen Michael Jackson kommt man nie wirklich nahe, obwohl es seinem Neffen Jafaar sehr gut gelingt, sein Wesen einzufangen und ihn nahezu perfekt zu imitieren. Aber was ihn umtrieb, wird weiterhin ein Geheimnis bleiben.

Was man präsentiert bekommt, ist an Harmlosigkeit nicht mehr zu unterbieten: ein bisschen Exzentrik – der Affe Bubbles oder die Giraffe, die immer wieder mal durchs Bild läuft – und sehr viel Heldenverehrung. Michael wird als scheuer, aber extrem emphatischer Mensch dargestellt, dem das Wohl anderer, vor allem von Kindern sehr am Herzen liegt. So sieht man ihn immer wieder Kinder im Krankenhaus besuchen und ganze Spielzeugläden für sie leerkaufen. Sogar als er selbst schwer verletzt im Hospital liegt, kümmert er sich noch um andere, denen es schlechter geht. Ein Heiliger!

Als Schlüssel zum Verständnis seiner Psyche führt Logan immer wieder Peter Pan an. Michael liebt das Buch und liest es auch als Erwachsener immer wieder, es wird sogar nahegelegt, dass er sein Aussehen der Zeichnung Peter Pans angepasst haben könnte, und am Ende blickt er bedeutungsvoll auf das Wort Neverland. Michael wird als ewiges Kind stilisiert, das auch mit fast dreißig noch zu Hause wohnt, zusammen mit seinem tyrannischen Vater, von dem er sich seit Jahren zu befreien sucht, umgeben von Unmengen an Spielzeugen und Tieren. Ein Kind, das eine Familie sucht und sie in seinen Haustieren findet, aber auch in seinen Fans, die ihm die Liebe geben, die er immer vermisst hat. Obwohl er gleichzeitig ein enges, liebesvolles Verhältnis zu seiner Mutter Katherine (Nia Long) hat. Psychologisch ist das alles sehr simpel gestrickt.

Was am meisten auffällt in diesem harmoniesüchtigen Verharmlosungsspektakel ist das, was nicht erzählt wird. Der Mann ist schon lange erwachsen, scheint aber kein Privatleben zu haben, keine Beziehung irgendeiner Art, außer zu seinem Affen. Selbst seine Geschwister (hat eigentlich jemand Janet gesehen?) sind nicht viel mehr als Stichwortgeber und Komparsen. Vielleicht entspricht das den Tatsachen, vielleicht wollte man den Missbrauchsvorwürfen aber auch nicht neue Nahrung geben, es erzeugt jedoch ein eigenartiges Gefühl der Leere und Unvollständigkeit.

Michael ist ein gefälliges, für den unkritischen Fan gemachtes Ereignis, das seine Musik feiert und das Image Michael Jacksons bewahren möchte, ohne dem Menschen dahinter nahe zu kommen. Wer nicht mehr erwartet, wird sicherlich nicht enttäuscht werden.

Note: 3

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.