Backrooms

Zwei Filme sorgten in diesem Sommer bislang für Furore, der eine ist natürlich Obsession, der ein wahres Box-Office-Phänomen geworden ist, der andere ist Backrooms, der von vielen Fans der gleichnamigen YouTube-Serie heiß erwartet wurde. Als der Teaser-Trailer das erste Mal gezeigt wurde, hielt ich ihn für eine weitere der vielen obskuren A24-Produktionen, die das Studio in schöner Regelmäßigkeit herstellt. Tatsächlich hat er mir nicht sonderlich gut gefallen, da er nach nichts aussah und keine richtige Geschichte zu erzählen schien, sondern einfach nur ein Geheimnis aufzubauen versuchte, das mich kein bisschen neugierig gemacht hat.

Aber sehr viele Menschen sehen das offenbar anders, denn der Film hat weltweit bereits fast vierhundert Millionen eingespielt – bei einem Budget von nur zehn Millionen. Und das für ein Spielfilmdebüt, was das Ganze umso beachtlicher macht. Solche Hypes hat es natürlich auch früher schon gegeben, man denke nur an Blair Witch Project, und es ist immer interessant, sie sich einmal genauer anzusehen, um herauszufinden, ob sie nur um des Hypes willen erfolgreich sind oder weil sie wirklich gut gemacht sind.

Backrooms

Im Juni 1990 ist eine Gruppe von Forschern, die für das Async Research Institute arbeiten, in den Backrooms, einem bizarren Paralleluniversum aus weitgehend leeren Räumen, unterwegs. Einer von ihnen wird von der Gruppe getrennt und anscheinend von einem Wesen verfolgt, das ist dann überfällt. Ein paar Wochen später entdeckt Clark (Chiwetel Ejiofor) in seinem Möbelladen einen geheimen Zugang zu den Backrooms und beginnt, sie genauer zu untersuchen.

Der Film beginnt wie ein klassischer Found Footage-Film mit einer extrem wackeligen Handkamera und einem Helden, den man nie zu Gesicht bekommt. Immerhin macht dieser Einstieg neugierig und ist zudem so spannend inszeniert, dass man sich angenehm gruselt und auf Clarks Abenteuer in den Backrooms gespannt ist.

Clark ist ein gescheiterter Mann, der nie als Architekt arbeiten konnte, obwohl er diesen Beruf erlernt hat, und der gerade eine schwierige Trennung durchmacht. Deshalb sucht er Rat und Unterstützung bei der Psychotherapeutin Mary Kline (Renate Reinsve), die sich auf Menschen spezialisiert hat, die sich von anderen separieren und die Welt wie durch ein Fenster betrachten. Sie versucht, Clark dazu zu bringen, alte Verhaltensmuster zu durchbrechen, um zu neuen und besseren Ergebnissen im Umgang mit seiner Umwelt zu kommen.

Man kann Backrooms tatsächlich wie eine bebilderte Psychotherapiesitzung betrachten, die sich mit den Phänomenen der sozialen Entfremdung und fragmentierten Erinnerung beschäftigt. Wie in dem bizarren architektonischen Labyrinth gehen die Patienten in ihrem Geist verloren, klammern sich an Erinnerungen und Traumata, die sie immer und immer wieder durchleben, wobei sich in der Wiederholung jedoch Fehler einschleichen. Ein vielzitierter Satz erklärt die Backrooms so, als würde man einem Blinden einen Hund beschreiben und ihn dann bitten, einen zu zeichnen. Vielleicht würden viele grundsätzliche Elemente richtig sein, in den Details würden sich aber viele Fehler einschleichen. Und so sind auch die Backrooms: in vielen Einzelheiten nicht ganz korrekt ausgeführt. Türen variieren in Größe und Form, Wände wirken willkürlich angeordnet, Möbel stecken im Fußboden fest. Clark bezeichnet diesen Ort als eine Ansammlung von Erinnerungen an andere, reale Orte, wobei sich mit der Zeit Irrtümer einschleichen.

Als Konzept ist das grundsätzlich faszinierend, aber leider nicht sonderlich spannend erzählt. Nach dem gelungenen Anfang nimmt Regisseur Kane Parsons das Tempo raus und konzentriert sich vor allem auf Clark und später auf Mary. Natürlich muss auch sie unter einem Trauma leider – ohne dies geht es heutzutage wohl nicht mehr – und mit ihrer Vergangenheit hadern. Dadurch schleichen sich einige Längen ein, die erst gegen Ende durch mehr Tempo und ein gewisses Maß an Spannung wettgemacht werden.

Man sollte bei einem solchen Film keine Logik oder auch nur eine halbwegs zufrieden stellende Auflösung erwarten. Er will keine richtige Geschichte erzählen, sondern spielt vor allem mit psychologischen Motiven und Stimmungen und lebt vor allem von seiner Ästhetik. Tatsächlich existierten die Backrooms als Internetphänomen bereits lange vor der Webserie von Parsons und gehen vermutlich auf die Aufnahme aus einem Möbelhaus in Wisconsin während einer Renovierung im Jahr 2002 zurück. Manchmal braucht es nicht mehr, um sich inspirieren zu lassen.

Hätte Backrooms nicht als Creepypasta, ein Internetgenre, das nach demselben Prinzip wie die urbanen Legenden funktioniert, Furore gemacht, wer weiß, ob jemals ein Studio Interesse daran bekundet hätte. Vermutlich eher nicht, aber bei A24 weiß man ja nie. Backrooms ist definitiv ein Film, der von seinem Hype lebt und profitiert, der als solcher jedoch nicht wirklich zu überzeugen weiß. Gut gelungen sind die wenigen Spannungsmomente, vor allem dank eines hervorragend eingesetzten Sounds, und auch die darstellerischen Leistungen sind sehenswert. Der Film erinnert auch an die psychologischen Horrorfilme der späten Sechziger- und Siebzigerjahre, die oft genug einen pessimistischen Blick auf die Gesellschaft warfen und so gut wie nie ein Happy End besaßen. Wer so etwas mag, wird hier gut bedient.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.