Das Horrorfilm-Genre erlebt gerade eine neue Blütezeit, die teilweise an die Siebzigerjahre erinnert, als viele wegweisende Filme entstanden sind, die das Genre über Jahrzehnte prägen sollten. Inzwischen ist es ziemlich schwer, noch originelle Ansätze zu finden, aber innovative Regisseure kreieren dafür eine aufregende neue Bildsprache und überraschen häufig mit psychologisch präzisen Studien, die die Geschichten über die durchschnittlichen Genrefilme hinausheben.
Auffällig ist auch, dass einige dieser Regisseure über den Umweg des Internets zum Kino gekommen sind und zuvor Kurzfilme auf YouTube produziert haben. Das gilt sowohl für die kreativen Köpfe hinter Backrooms und Obsession als auch für die Philippou-Brüder, die Bring Her Back inszeniert haben. Ihr Vorgängerfilm war Talk to Me, der ebenfalls für einiges Aussehen gesorgt hat und relativ erfolgreich war. Daher waren die Fans gespannt, was sie als nächstes ins Kino bringen würden.

Bring Her Back
Andy (Billy Barratt) und seine sehbehinderte Stiefschwester Piper (Sora Wong) finden eines Tages ihren Vater tot in der Dusche auf. Da Andy erst in drei Monaten volljährig wird und die Vormundschaft für seine Schwester beantragen kann, werden die beiden so lange bei der ehemaligen Sozialarbeiterin und Pflegemutter Laura (Sally Hawkins) untergebracht. Laura hat vor kurzem ihre Tochter verloren und sieht in Piper bald einen Ersatz, während sie Andy mit latenter Feindseligkeit begegnet. Im Haus wohnt außerdem noch der mutistische Oliver (Jonah Wren Phillips), der meist schweigsam und apathisch in seinem Zimmer sitzt und nie das Grundstück verlassen darf. Bald erkennt Andy, dass Lauras Interesse an Piper über die übliche Fürsorge hinausgeht, aber selbst er ahnt nicht, dass sie mit Hilfe eines satanistischen Rituals ihre Tochter aus dem Reich der Toten zurückholen und in Pipers Körper übertragen will.
Trailer und Titel verraten im Grunde bereits alles, was man über den Film wissen muss. Auch die ersten Szenen, in denen ein altes, verwackeltes Video zu sehen ist, in dem es um ein satanistisches Ritual geht, mit dem eine Seele aus dem Jenseits zurückgebracht und in einen fremden Körper verpflanzt wird, tragen dazu mit bei, dass es keinerlei Überraschungen in diesem Film gibt. Dadurch ergibt sich jedoch die Möglichkeit, Spannung durch den Informationsvorsprung zu kreieren, den der Zuschauer gegenüber dem Helden hat, der lange Zeit völlig ahnungslos ist.
Mit dem Tod des Vaters verlieren Andy und Piper auf einen Schlag ihre Familie und ihr Zuhause. Über das Schicksal ihrer Mütter (und auch Pipers Vater, da ihre Mutter sie mit in die Ehe gebracht hat) ist nichts bekannt, es scheint aber, dass die beiden Waisen vollkommen allein auf der Welt sind. Man hat Mitleid mit ihnen, vor allem mit Andy, der die Last der Verantwortung tragen muss, obwohl er noch so jung ist. Aber er kümmert sich rührend um seine Schwester, die nahezu blind ist, aufgrund eines Gewaltakts in jungen Jahren gilt er jedoch als problematisch und wird entsprechend vom System so behandelt.
Auch Laura ist zunächst kühl und passiv-aggressiv, sie nimmt ihn nur zögernd und widerwillig auf, und diese Ablehnung bekommt Andy zu spüren. Sally Hawkins Performance ist bemerkenswert und mit Abstand das Beste an diesem Film. In der einen Sekunde ist sie so übertrieben fröhlich, als wollte sie ihre Rolle aus Happy Go Lucky wiederbeleben, dann verhält sie sich so zwielichtig und manipulativ, dass es einem kalt über den Rücken läuft. Ihre Darstellung der trauernden, zu allem bereiten Mutter, die sich zudem noch die Schuld am Unfalltod ihres einzigen Kindes gibt, ist psychologisch stimmig und brillant.
Für einige wenige Horrormomente in der insgesamt viel zu langen und leider auch mit einigen Längen behafteten ersten Stunde sorgt der Junge, der mit im Haus wohnt und sich häufig wie ein Zombie verhält. Was es mit ihm auf sich hat, erschließt sich nicht vollständig und auch erst spät in der Geschichte und hat – man ahnt es bereits – mit dem Ritual zu tun, das Laura vollziehen will.
Um wenigstens für ein bisschen Spannung und Grusel zu sorgen, wird Andy noch von Visionen seines toten Vaters heimgesucht, aber am stärksten und interessantesten ist sein Kampf gegen die raffinierte Laura, die ihn von seiner Schwester entfremden und aus ihrem Haus verbannen will. So entbrennt ein Zweikampf zwischen den beiden um Piper, der tatsächlich gegen Ende eine Überraschung bereit hält.
Bring Her Back besitzt zwar keine originelle Geschichte und ist auch nicht so spannend und gruselig wie Talk to Me, besticht dafür mit tollen schauspielerischen Leistungen und einem packenden Finale.
Note: 3