Beim Stöbern im Katalog von Prime Video bin ich auf diese französische Komödie von 2021 gestoßen, von der ich noch nie gehört hatte und die thematisch hervorragend zu Der Teufel trägt Prada 2 passt. Alternativ hätte ich mir auch Mother Mary ansehen können, um eine Anne Hathaway-Woche daraus zu machen, aber die schlechten Bewertungen haben mich davon abgehalten.
Da ich in den letzten Jahren ein paar Filme und Serien über Pariser Modeschöpfer gesehen habe – Yves Saint Laurent, The New Look und Cristóbal Balenciaga – war ich zumindest ein bisschen neugierig auf diesen Blick auf das Modegeschäft.
Haute Couture
Esther (Nathalie Baye) leitet seit vielen Jahren die Schneiderabteilung von Dior, wird von der Direktion aber nach der nächsten Kollektion in Rente geschickt. Der Abschied fällt ihr schwer, denn sie hat ihrem Beruf ihr ganzes Leben gewidmet, jeden Tag viele Überstunden gemacht und sogar ihre freien Tage im Atelier verbracht. Dadurch hat sie kaum ein soziales Leben, und ihre Tochter hat sich von ihr abgewandt. Eines Tages wird ihr auf dem Weg zur Arbeit die Handtasche gestohlen, in der sich auch ihre Halskette mit einem Davidstern befand. Als die Diebin Jade (Lyna Khoudri) ihr Tasche und Schmuck zurückgibt, bietet Esther ihr spontan einen Praktikumsplatz im Atelier an.
Culture Clash Komödien scheinen sich vor allem in Frankreich großer Popularität zu erfreuen, wenn man bedenkt, wie viele dort in den letzten Jahren entstanden sind. Meistens handeln sie vom Zusammenprall bourgeoiser weißer Franzosen mit Menschen mit Migrationshintergrund, die oft eine andere Hautfarbe oder Religion haben, und aus den kulturellen Unterschieden und den auf beiden Seiten fest verankerten Vorurteilen entsteht der Konflikt, aber auch die Komik. Das Rezept funktioniert jedes Mal sehr gut, wenn man schlagfertige und gewitzte Figuren hat und es mit den Vorurteilen nicht übertreibt.
Der Einstieg in die Geschichte ist etwas holperig. Dass Jade Esther die gestohlene Tasche zurückgibt, hat nichts mit einem schlechten Gewissen zu tun, sondern mit Aberglauben: Ihre Freunde behaupten, das Stehlen religiöser Schmuckstücke bringe Unglück, was Jade lächerlich findet – Esther aber trotzdem alles zurückgibt. Umgekehrt wirft Esther nur einen Blick auf Jades feingliedrige Finger und erkennt sofort, dass sie das Talent zu einer großartigen Schneiderin besitzt, woraufhin sie ihr einen der überaus begehrten Plätze im Atelier von Dior anbietet. Überzeugend ist nichts davon, aber man drückt bereitwillig ein Auge zu.
Jade und ihre Freundin Souad (Soumaye Bocoum) betrachten sich nicht als Franzosen, weil sie sich vom Staat ausgegrenzt fühlen, und um ihn und die Gesellschaft für diese Diskriminierung zu „bestrafen“, leben sie von Sozialhilfe und kleinen Diebstählen. Das Milieu der Banlieues taucht in vielen sozialkritischen Filmen auf und bedient dabei meistens die üblichen Klischees, die sich um Drogen und Kriminalität drehen, und Haute Couture stellt hier keine Ausnahme dar. Als ein Parfümflakon verschwindet, verdächtigt die fremdenfeindliche Näherin Andrée (Claude Perron) natürlich sofort Jade, die sie von Anfang an nicht leiden kann, weil sie und nicht ihre Tochter den Praktikumsplatz bekommen hat und die sie bei jeder Gelegenheit drangsaliert. Esther will das nicht wahrhaben, muss aber erkennen, dass Jade tatsächlich die Diebin ist. Sie stellt Jade zur Rede und gibt ihr eine zweite Chance. Und eine dritte. Und vierte.
Jade ist keine junge Frau, die dankbar dafür ist, dass man sie vor dem Elend der Vororte bewahrt, sondern ein zutiefst verunsicherter, misstrauischer Mensch, der hinter jeden gütigen Geste ein versteckte Beleidigung oder eine Falle wittert. Das macht Esther den Umgang mit ihr nicht leicht, umgekehrt ist aber auch Esther kein einfacher Mensch. Sie hadert mit der Idee, in Rente zu gehen, weil es abgesehen von ihrem Beruf nicht viel in ihrem Leben gibt, und mit ihrem strengen Berufsethos steht sie in einem stetigen Konflikt mit den jüngeren Näherinnen, die auch ein erfülltes Privatleben haben und eine Familie aufziehen wollen. Für Esther stand immer die Arbeit an erster Stelle, und dafür hat sie einen hohen Preis bezahlt.
Regisseurin Sylvie Ohayon, die zusammen mit Sylvie Verheyde auch das Drehbuch schrieb, setzt weniger auf die schrille Komödie à la Monsieur Claude und seine Töchter, sondern kreiert ein dramatisches Storygerüst, das aus vielen Konflikten besteht. Im Kern geht es um Esther, die lernen muss, loszulassen und das strenge Korsett aus Disziplin und Pflichterfüllung abzulegen, und Jade, die erkennen muss, dass nicht die ganze Welt gegen sie ist und ein erlernter Beruf durchaus Erfüllung und Zufriedenheit bringen kann. Esther hat zudem gesundheitliche Probleme, sie ist Diabetikerin, ernährt sich aber praktisch von Zucker, und Jade kümmert sich nebenbei noch um ihr schwer depressive Mutter. Auch eine zarte Liebesgeschichte zwischen Jade und einem Mitarbeiter darf nicht fehlen sowie viele andere Probleme und Konflikte, von denen die meisten nur angerissen werden.
Inhaltlich ist das alles etwas überfrachtet, aber durchweg interessant und größtenteils auch solide erzählt. Etwas mehr Humor und weniger Drama hätte dem Film gutgetan, und auch Jades Eskapaden, ihr ständiges Aufgeben und Neuanfangen hätte man etwas reduzieren können, aber dank sympathischer Figuren und einem versöhnlichen Ende kann man über viele versäumte Chancen oder unzureichend erzählte Handlungsstränge hinwegsehen. Seinen schwachen imdB-Wert hat der Film jedenfalls nicht verdient.
Note: 3