Den Teaser-Trailer haben wir so oft im Kino gesehen, dass ich Anne Hathaways Text schon mitsprechen konnte. Normalerweise habe ich nach solch einem Über-Trailering keine Lust mehr, für den Film noch ein Ticket zu lösen, aber der endgültige Trailer mit den Dinos, die Jagd auf Menschen machen, war spannend und sah vielversprechend aus. Deshalb waren wir am Starttag im Kino.

The End of Oak Street
Die Oak Street ist eine typische Vorortstraße im Speckgürtel einer amerikanischen Großstadt im Jahr 1982. Greg (Ewan McGregor), der für einen Automobilkonzern arbeitet, lebt hier mit seiner Frau Denise (Anne Hathaway) und den beiden Kindern Audrey (Maisy Stella) und Brian (Christian Convery). Doch die Ehe von Greg und Denise, die schriftstellerische Ambitionen hat, kriselt seit langem, Brian hat sich mit einem brutalen Jungen aus der Nachbarschaft angelegt, und Audrey würde gerne studieren, doch die Familie kann sich die Gebühren für ihre Wahl-Uni nicht leisten. Eines Tages tauchen rätselhafte Lichter auf, im Garten einer Nachbarin erscheint eine exotische Pflanze, die seit vielen Millionen Jahren ausgestorben ist, und dann wird das gesamte Viertel plötzlich in die prähistorische Urzeit versetzt.
Sowohl im Jurassic Park-Franchise als auch in der folgenden Filmreihe nach Jurassic World treffen Menschen auf Dinosaurier, allerdings in unserer modernen Welt. Hier dreht David Robert Mitchell die Prämisse um und konfrontiert die beiden Spezies in der fernen Vergangenheit, was aufgrund kosmischer Anomalien in Form von leuchtenden Sphären möglich ist. Wirklich neu ist die Idee natürlich nicht, in der britischen Serie Primeval – Rückkehr der Urzeitmonster gibt es ähnliche Portale, die Saurier und andere gefährliche Tiere in unsere Zeit transportieren, und in La Brea stürzen amerikanische Zivilisten durch ein Sinkloch in die Saurierzeit. Mit Originalität kann The End of Oak Street also nicht punkten, dafür aber mit anderen Dingen.
Der Mensch gilt bekanntlich als das gefährlichste Raubtier auf diesem Planeten, zumindest als Spezies, auch wenn der Einzelne im Kampf gegen einen Bären oder Löwen durchaus den Kürzeren ziehen kann. Daher stellt sich in der Fiktion gerne die Frage, wie gut er sich in einem Konflikt mit hoffnungslos überlegenen Gegnern schlagen könnte, mit Aliens wie in Predator oder eben mit Dinosauriern. Mitchell findet in seinem Film eine klare Antwort darauf: schlecht. Die Menschen aus der Oak Street haben den gefräßigen Bestien aus dem Dschungel nur wenig entgegenzusetzen. Da es Amerikaner sind, haben erstaunlich viele von ihnen Schusswaffen im Haus, aber gegen einen T-Rex nützen auch diese nicht allzu viel, und es gibt noch viele weitere gefährliche Monster.
So ist The End of Oak Street in erster Linie ein Survival-Thriller, der nach einer etwas behäbigen Exposition, in der erst einmal ausführlich – und ein bisschen ungeschickt – erklärt werden muss, welche Probleme die Protagonisten plagen, mächtig das Tempo anzieht und immer wieder für hochspannende Momente sorgt. Natürlich hilft es, dass es mit der Familie eine sehr sympathische Gruppe gibt, deren Schicksal einem am Herzen liegt und mit der man mitfiebern kann. Das ist Popcorn-Kino, wie es sein sollte.
Bemerkenswert ist, dass der Film in den frühen Achtzigerjahren spielt, was zunächst ungewöhnlich erscheint, aber gut zur Atmosphäre und der Tonalität des Films passt, der seine Vorbilder in den Produktionen dieser Zeit wie E.T. oder Gremlins hat. Dazu gehört auch, dass die Familie nicht wohlsituiert ist und sich mit Problemen wie Arbeitslosigkeit und finanziellen Engpässen herumschlagen muss, was früher häufig thematisiert wurde, inzwischen aber nur noch in Independentfilmen vorkommt. Das alles verleiht der Geschichte einen gewissen altmodischen Charme, der sich wohltuend von den gegenwärtigen Filmen abhebt, ohne dabei leider seine Formelhaftigkeit zu verlieren. Die meisten Entwicklungen sind daher sehr vorhersehbar, doch Mitchell gelingt es dennoch, den Zuschauer mit einer unerwarteten Wendung zu überraschen.
Was ein bisschen zu klischeehaft erzählt wird, sind die privaten Konflikte, die angesichts einer lebensbedrohenden Katastrophe nicht zurückgestellt werden, sondern nach wie vor weiter schwelen. Als gäbe es nichts Wichtigeres, als im Angesicht eines T-Rex seine Eheprobleme zu diskutieren. Auch andere Verhaltensweisen wirken unglaubwürdig und sogar störend. So sieht man zu Beginn des Films eine lebendige Nachbarschaft, in der jeder jeden kennt, sich unterstützt und miteinander feiert, aber kaum werden die Menschen mit einer übermächtigen Bedrohung konfrontiert, steht jeder allein da. Dabei sind wir doch soziale Wesen, die in Extremsituationen zusammenhalten, was eine Verhaltensweise ist, die maßgeblich dafür gesorgt hat, dass wir als Spezies überhaupt überlebt haben. Man würde daher erwarten, dass die in der Urzeit Gestrandeten sich zusammentun, aber Mitchell wollte sich wohl allein auf seine Familie konzentrieren, weshalb die Nachbarn nur noch auftauchen, wenn sie zu Dinofutter werden. Dies ist schade, weil dadurch viel Potential verschenkt wird, und es lässt das Ende auch ein klein wenig verlogen wirken.
Aber abgesehen von diesen, zugegeben eher kleineren, Mängeln ist The End of Oak Street insgesamt ein sehr unterhaltsamer, spannender und mitreißender Film mit im besten Sinne altmodischem Charme.
Note: 3+