Spider-Man gehörte schon immer zu den beliebtesten Comichelden, und auch seine Filme waren jedes Mal Publikumserfolge und popkulturelle Events. Dass aber ausgerechnet der vierte Spider-Man mit Tom Holland so über die Maßen erfolgreich sein würde, hat wohl viele überrascht. Woran, abgesehen von der Beliebtheit der Figur, liegt das?
In den letzten Jahren war häufig, auch hier im Blog, von der Superheldenmüdigkeit zu hören, die zu einem großen Teil mit dem Überangebot an Filmen und Serien von Marvel und DC zu tun hat, aber auch mit der abnehmenden Qualität und Formelhaftigkeit der Produktionen sowie der geringen Prominenz der Comichelden. Sicher, auch ein Thor war vor der Adaption nur eingefleischten Comic-Nerds bekannt, während ihn die meisten eher als Figur aus der germanischen Mythologie wahrgenommen haben, aber damals waren Comicverfilmungen noch frisch und cool und das Publikum bereit, Neues zu entdecken. Beim 25. Film des MCU – Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings – sah das jedoch bereits anders aus.
Seit Spider-Man: No Way Home sind fünf Jahre vergangen, und der Film endete mit einer traurigen Note: Peter Parker musste die Liebe seines Lebens und all seine Freunde aufgeben, um Spider-Mans Identität, die zuvor gelüftet worden war, zu schützen. Die große Frage war daher, wie geht es nun mit den beiden Liebenden weiter? Wir waren im Kino, um die Antwort zu erfahren.

Spider-Man: Brand New Day
Peter Parker (Tom Holland) hatte MJ (Zendaya) einen Brief geschrieben, in der Hoffnung, dadurch die gelöschten Erinnerungen an ihn wieder zum Leben zu erwecken, sich dann aber dagegen entschieden, ihn ihr vorzutragen, weil sie als seine Partnerin zu sehr gefährdet sein würde. Vier Jahre später bekämpft er als Spider-Man die Verbrechen in New York, hat aber außer Detective DeWolff (Liza Colón-Zayas) kaum persönliche Kontakte zu anderen Menschen. Seine Arbeit hat ihn einsam gemacht, und er hat sich in eine schäbige Wohnung zurückgezogen, um seine Fähigkeiten zu verbessern. Diese geraten jedoch aufgrund seiner Spinnen-DNA plötzlich in ein Ungleichgewicht, wodurch er ziemlich gehandicapt ist. Das geschieht zudem zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, als ein unsichtbarer Gegner, der das Bewusstsein von Menschen kapern und von Wirt zu Wirt springen kann, auftaucht und ihn bedroht – und sogar von MJs Existenz und ihrer Bedeutung für Peter erfährt.
Same old, same old, sagen Amerikaner gerne, wenn man sie nach ihrem Alltag fragt und was es Neues in ihrem Leben gibt. Auch Peter Parker steckt im Alltagstrott zwischen Verbrecherjagd und Computertüftelei fest und führt ein einsames, abgeschottetes Leben. Als Spider-Man ist er zwar erfolgreich und erhält sogar den Schlüssel der Stadt, aber niemand kennt ihn oder weiß, wie er sich fühlt. Seit dem Tod seiner Tante May (Marisa Tomei) hat er keine Familie mehr, und seine Freunde wissen nicht mehr, wer er ist. Aus der Ferne verfolgt er, wie sie studieren und ihr Leben genießen, während er selbst feststeckt.
Es ist klar, dass Peters schale Existenz aufgerüttelt werden muss, und mit dem unsichtbaren, aber sehr mächtigen Gegenspieler, dessen Identität erst später enthüllt wird und hinter der sich ein bekannter Name verbirgt, trifft er tatsächlich auf eine harte Nuss. Die Fähigkeit, von einem Bewusstsein zum anderen zu springen, dadurch ständig die Identitäten zu wechseln und eine Menge Schaden anzurichten, macht diesen Gegner zu einem überaus mächtigen, den auch Spider-Man nicht zu fassen bekommt. Er weiß nur, wonach dieser sucht und ist so in der Lage, ihm eine Falle zu stellen. Ein wenig seltsam ist es jedoch, dass dieser neue Feind keinen Namen bekommt, während sonst jeder kleine Schurke mit einem Gadget gleich eine neue Identität verpasst bekommt, aber seine zur Schau gestellten Fähigkeiten sind beeindruckend und auch toll inszeniert.
Mit dem neuen Gegner und einer Funktionsstörung seiner eigenen Kräfte hat Spider-Man eine Menge zu tun, dennoch dümpelt die erste Hälfte ein wenig ziellos vor sich hin. Bei der Jagd auf den Unbekannten kommt er nicht so recht weiter, und die Untersuchung seiner anatomischen Probleme ist eher medizinischer und später technologischer Natur und von daher nicht besonders spannend. Immerhin bietet sich dabei die Gelegenheit für einen Auftritt von Bruce Banner (Mark Ruffalo).
Man weiß also lange Zeit nicht, wohin die Reise für Spider-Man gehen soll, und die Geschichte von Chris McKenna, Erik Sommers und Justin Kuritzkes braucht viel zu lange, um in die richtige Spur zu gelangen, unterhält aber mit einigen spannenden, von Regisseur Destin Daniel Cretton temporeich inszenierten Actionszenen. Ein Pfund, mit dem die Autoren wuchern können, ist der Auftritt von Frank Castle (Jon Bernthal), alias der Punisher, der den Film in Richtung Buddy-Komödie treibt, was der Stimmung auf jeden Fall gut tut. Insgesamt hätte eine noch größere Prise Humor allerdings auch nicht geschadet.
In der zweiten Hälfte, wenn die Identität des Unbekannten und seine Ziele aufgedeckt werden, nimmt die Story endlich Fahrt auf. MJ kehrt zurück, als sie in Gefahr gerät, und Peter muss sich entscheiden, ob er sich ihr zu erkennen gibt oder nicht. Tatsächlich ist der Film immer dann am stärksten, wenn es um persönliche Entscheidungen und Emotionen geht. Peter erkennt, dass er einsam ist und Freunde braucht, MJ will ihre Erinnerungen zurück, die man ihr gestohlen hat, und dass sie nun einen Freund hat, verkompliziert die Sache zusätzlich (oder auch nicht, weil dieser schneller verschwindet als Spider-Man ein Netz abschießen kann).
Überraschend ist, dass der Film nicht wie sonst üblich auf ein effektgeladenes Spektakel mit größtmöglicher Zerstörung der Umgebung zusteuert, sondern auf ein vergleichsweise intimes, aber dennoch ungemein spannendes Finale, das erstaunlich emotional ist. Die Story kehrt zu den Anfängen der neueren Superheldenfilme in den späten Neunzigern zurück und erzählt von der Andersartigkeit der Helden, die ausgestoßen, isoliert und verängstigt sind und als Versuchsobjekte gejagt werden.
Vielleicht erklärt dieser Aspekt einen Teil des großen Erfolges, denn gerade junge Menschen, die sehr unter der Isolation während der Pandemie gelitten und aufgrund dessen Defizite im sozialen Umgang haben, können sich mit diesen Figuren gut identifizieren. Aber auch sonst war Spider-Man oder vielmehr Peter Parker immer die zugänglichste Figur im MCU, weil sie so normal wirkt und so alltägliche Probleme hat wie wir alle.
Spider-Man: Brand New Day hat zu Beginn zwar einige Mühe, aus den Startlöchern zu kommen und schlingert vor allem in der ersten Hälfte ein bisschen herum, wird dann aber immer besser und überrascht mit einem erstaunlich starken und emotionalen Ende. Da kommt man gut unterhalten und beschwingt aus dem Kino.
Note: 2-