Kraven the Hunter

Nach den schlechten Kritiken und dem eher enttäuschenden Madame Web hatte ich eigentlich keine Lust, mir diesen Film anzuschauen. Wozu meine Superheldenmüdigkeit ebenfalls ein Stück weit beigetragen hat. Aber im Vorfeld des neuen Spider-Man-Films dachte ich mir, dass die Produktionen über diese beiden Figuren eine gute Ergänzung zu Spider-Man: Brand New Day abgeben würden, und so habe ich mir einen Ruck gegeben. Wir sind schließlich eine Vollservice-Webseite.

Kraven the Hunter

Als Kind wird Sergei Kravinoff (Levi Miller) auf einer Safari von einem Löwen verletzt und kann nur durch ein Wundermittel geheilt werden, das ihm Calypso (Diaana Babnicova), die Enkelin einer Schamanin, verabreicht. Die Behandlung hat jedoch Nebenwirkungen: Sergei erhält die Eigenschaften diverser Tiere, kann so gut sehen wie ein Raubvogel, ist stark wie ein Bär und so schnell wie ein Gepard. Zurück in England erfährt er, dass sein Vater Nikolai (Russell Crowe) ihn als Nachfolger für sein Verbrecherimperium auserkoren hat, woraufhin Sergei nach Russland flieht, wo er auf dem abgeschiedenen Land seiner jüngst verstorbenen Mutter seine neuen Kräfte erprobt.

Etliche Jahre später ist der erwachsene Sergei (Aaron Taylor-Johnson) zu Kraven the Hunter geworden, ein selbsternannter Rächer, der Jagd auf Gangster macht. Als er seinen Halbbruder Dmitri (Fred Hechinger) in London besucht, wird dieser von Aleksei (Alessandro Nivola) entführt, dem Chef eines Verbrechersyndikats, der es auf Nikolai abgesehen hat und zudem befürchtet, von Kraven ausgeschaltet zu werden. Mit der Hilfe eines Arztes ist Aleksei zu Rhino geworden, einer Kreatur, die den Panzer eines Nashorns hat und übermenschlich stark ist, diese Verwandlung verursacht aber so große Schmerzen, dass er nur mit Hilfe permanenter Medikamentenzufuhr halbwegs normal leben kann. Zusammen mit der erwachsenen Calypso (Ariana DeBose) macht Kraven Jagd auf Rhino.

Origin-Storys sind immer die dankbarsten, da man eine Figur komplett neu vorstellen und definieren kann, zudem ist es immer reizvoll zu sehen, wie sich ein bislang normaler Mensch nach dem Erwerb übermenschlicher Fähigkeiten verhält, wie er die Probleme, die sein Anderssein mitbringen, meistert und auf welche Weise er seine Kräfte einsetzt. Wenn das humorvoll und psychologisch stimmig erzählt wird, kann daraus eine tolle Geschichte entstehen. Bestes Beispiel ist Spider-Man, dessen Origin-Story wir in den letzten Jahrzehnten mehr als nur einmal sehen konnten.

Das Drehbuch von Richard Wenk, Art Marcum und Matt Holloway nimmt sich daher viel Zeit, dem Zuschauer die ungleichen Brüder Sergei und Dmitri vorzustellen, die von ihrem strengen und wenig liebevollen Vater auf eine Großwildjagd in Afrika mitgenommen werden. Während Sergei mutig und tapfer ist, ist der sensible und schüchterne Dmitri das bevorzugte Ziel seines Vaters, der ihn abhärten will, ihn im Grunde aber schon längst abgeschrieben hat. Als Familienkonstellation ist das recht solide, wenn auch nicht übermäßig originell. Sergeis Verwandlung bekommt durch die Wunderdroge eine mystische Komponente, die typisch für Comics ist, aber er hat anscheinend nie die Probleme, seine Kräfte zu meistern wie etwa Spider-Man. Dadurch geht viel komödiantisches Potential verloren.

Kraven ist von Anfang an ein moralisch gefestigter Mensch und damit leider ein wenig langweilig. Er zeigt so gut wie nie Emotionen, besitzt keine Selbstzweifel und ist aufgrund seiner Kräfte so selbstbewusst, dass es an Arroganz grenzt. Das alles macht ihn als Figur ziemlich reizlos, und Taylor-Johnson besitzt zwar eine starke physische Präsenz auf der Leinwand, bekommt aber nicht genug Material, um seinen Kraven wirklich zum Leben zu erwecken. Man hätte eine derart statische, viel zu glatte Figur mit Humor auffangen oder ihm einen amüsanten Sidekick an die Seite stellen können, aber darauf wurde leider verzichtet. Sogar sein Love-Interest Calypso ist nur eine Stichwortgeberin.

Ein Eckpfeiler hätte die Vater-Sohn-Geschichte werden können, da Kravens Mission, üble Verbrecher zur Strecke zu bringen, ihn automatisch auf Kollisionskurs mit Nikolai führen müsste, aber dieser Konflikt schwelt nur lange Zeit vor sich hin, bis er am Ende eine so plötzliche Wendung nimmt, dass jeder emotionale Effekt sinnlos verpufft. Mit etwas psychologischem Feingefühl hätte man hier viel mehr herausholen können, stattdessen verliert sich das Drehbuch in einer komplizierten Kabale, die zum Schluss eine überraschende Enthüllung nach der anderen aus dem Hut zaubert, die mitunter stark die Glaubwürdigkeit herausfordern.

Regisseur J.C. Chandor macht inszenatorisch noch das Beste aus einem schwachen Drehbuch, überrascht aber nicht mit raffinierten Einfällen oder geschickter Schauspielführung. Alles sieht solide aus, abgesehen von den erbärmlich schlechten CGI-Effekten, wirkt aber auch ein wenig lieblos heruntergekurbelt. Wer große Lust auf einen Superheldenfilm hat und ein Fan des Genres ist, wird halbwegs unterhalten werden, den Film aber schnell wieder vergessen haben.

Note: 4

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.