Als wir 2022 auf unserer USA-Rundreise unterwegs zum Yellowstone-Nationalpark waren, haben wir einen Abstecher zu den Grand Tetons und dem dortigen Nationalpark gemacht. Die markante Gebirgskette diente als Hintergrund für den Western Shane von 1953, der bei uns als Mein großer Freund Shane in den Kinos lief und mit über drei Millionen Besuchern nicht unerfolgreich war. Die Überreste des Blockhauses, das für den Film errichtet worden war, stehen noch einsam in der Prärie und sind ein hübsches Fotomotiv.
Schon damals wusste ich nicht mehr, ob ich den Film je gesehen habe, und als er vor einiger Zeit bei Arte lief, habe ich ihn sofort aufgenommen und jetzt endlich angesehen. Der Film zum Urlaubsfoto sozusagen.
Mein großer Freund Shane
Joe (Van Heflin) und seine Frau Marian (Jean Arthur) betreiben eine kleine Farm mit etwas Ackerbau und Viehzucht, mit der sie so gerade über die Runden kommen. Eines Tages taucht ein Fremder auf, der sich als Shane (Alan Ladd) vorstellt und nur auf der Durchreise ist. Der kleine Farmerssohn Joey (Brandon De Wilde) ist von Shane sofort fasziniert, weil er gut mit der Pistole umgehen kann, und sein Vater bietet ihm einen Job an. Doch Gefahr droht vom Viehbaron Ryker (Emile Meyer), dem die Kleinbauern ein Dorn im Auge sind, weil sie mit ihren Einzäunungen den Viehtrieb und den Zugang zum Wasser erschweren. Er und seine Cowboys drangsalieren die Farmer immer stärker, und als Ryker den Revolverheld Wilson (Jack Palance) holt, eskaliert die Situation.
Die Auseinandersetzungen zwischen den Viehbaronen, die zu den ersten Pionieren im Westen gehören und für sich in Anspruch nehmen, das Land erobert zu haben, und den nachfolgenden kleinen Farmern, die mit einem Stück Land, auf dem sie Ackerbau und Viehzucht betreiben können, zufrieden sind, ist ein häufig wiederkehrender Topos im amerikanischen Western. Der Journalist Jack Schaefer, der sich als Autor von Wildwestromanen einen Namen gemacht hat, publizierte eine frühe Version dieser Geschichte bereits 1946 in drei Teilen unter dem Titel Riders from Nowhere, die zumindest lose auf wahren Begebenheiten beruht und übrigens auch Heaven’s Gate als Vorlage diente, bevor eine überarbeitete Romanversion einige Jahre später bereits unter dem Titel Shane erschien. Es war Schaefers Debüt, dem weitere Romane folgten, die auch bei uns erschienen sind.
A.B. Guthrie Junior, der das Drehbuch zu Mein großer Freund Shane verfasste und dafür eine Oscarnominierung erhielt, war ebenfalls ein erfolgreicher Schriftsteller, und mit George Stevens saß ein erfahrener Kameramann auf dem Regiestuhl, der zwei Jahre zuvor den Oscar für die beste Regie für Ein Platz an der Sonne erhalten hatte. Alan Ladd war damals bereits ein Star, allerdings vor allem für seine Abenteuerfilme bekannt und für seine Rolle als Titelfigur in Der große Gatsby. Da er meist wortkarge, harte Kerle gespielt hat, war er als Shane die perfekte Besetzung.
Obwohl angedeutet wird, dass Shane eine Karriere als Revolvermann hinter sich hat, wirkt er wie ein harmloser, freundlicher Bursche. Er ist bescheiden im Auftreten, zurückhaltend und umgänglich und wird bald eine wertvolle Stütze der Familie. Shane entwickelt jedoch auch Gefühle für Marian, die diese insgeheim erwidert, und das stellt ihn vor ein moralisches Dilemma. Doch Shane ist ein Mann mit Grundsätzen und festen Prinzipien, der stets das Richtige tut, und man weiß von Anfang an, dass aus dieser verbotenen Liebe kein Konflikt entstehen wird.
Dafür eskaliert der Streit mit Ryker sehr bald, nachdem dieser Wilson geholt hat, der als klassischer Antagonist das genaue Gegenteil von Shane verkörpert. Er ist, was aus Shane werden würde, hätte er keine Skrupel und moralischen Prinzipien. Jack Palance, den man nur als alten Mann kennt, spielt den Draufgänger auf beeindruckende unheimliche Art, etwas klischeehaft in Schwarz gekleidet, aber mit einem fiesen Lächeln auf den Lippen, bei dem es einem kalt über den Rücken läuft. Seine Oscarnominierung ist gerechtfertigt, selbst für die wenigen Minuten Screentime.
Was man von der Nominierung für Brandon De Wilde nicht sagen kann. Kinder zu nominieren, ist immer problematisch, aber in diesem Fall geradezu absurd, da seine Darstellung alles andere als subtil oder gekonnt ist, sondern eher ziemlich hölzern. Vielleicht ist es der Sentimentalität des Finales geschuldet, in dem der Knirps seinem großen Vorbild das Leben retten darf, bevor dieser, ganz der lonesome rider, in die Nacht reitet.
Die Story ist nicht wahnsinnig originell, aber solide aufgebaut und immer wieder spannend. Für heutige Zuschauer ist das Tempo zu gemächlich, wird vieles zu brav gespielt und inszeniert, doch Stevens und sein zu Recht oscarprämierter Kameramann Loyal Griggs beeindrucken mit wunderschönen Landschaftsaufnahmen, die sofort Lust machen, in diesen Teil der USA zu reisen.
Mein großer Freund Shane gilt heute als Klassiker des Genres, der viele weitere Filme inspiriert hat. Auch fast ein Dreivierteljahrhundert nach seiner Entstehung kann man ihn sich gut anschauen und wird dabei bestens unterhalten. Und wer hätte gedacht, dass Robert De Niro seinen berühmten Oneliner „You talkin‘ to me?“ in Taxi Driver von Alan Ladd übernommen hat?
Note: 3