Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter

Manchmal ist es ganz praktisch, dass man sich bei bestimmten Veranstaltungen wie dem Münchner Filmfest nicht aussuchen kann, welche Filme man anschaut. Okay, man kann natürlich immer noch das Kino verlassen, aber grundsätzlich bin ich gerne bereit, einem Film zunächst eine Chance zu geben. Vermutlich hätte ich mir sonst diese französische Dramödie gar nicht erst angesehen.

Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter

Marie (Hélène Vincent) ist eine Seniorin, die unheilbar an Krebs erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat, weshalb sie sich entschlossen hat, zum Sterben in die Schweiz zu fahren. Ihr steht der frisch entlassene Krankenpfleger Rudy (Pierre Lottin) zur Seite, den sie dazu bringt, anstelle ihres Sohnes die nötigen Papiere zu unterschreiben. Ihr Filius Bruno (David Ayala) hat hohe Schulden und ist so damit beschäftigt, seine Finanzen in Ordnung zu bringen, dass er kaum Zeit für seine Mutter hat. Als sie ihm erzählt, dass sie in die Schweiz fährt, um eine große Erbschaft anzutreten, will er sie jedoch unbedingt begleiten und nötigt auch seine Tochter Anna (Juliette Gasquet) zum Mitfahren.

Sterbehilfe ist ein Thema, das bereits vor Jahren enttabuisiert wurde, aber dennoch immer noch kontrovers diskutiert wird. Filme, die sich damit beschäftigen, gibt es inzwischen zu Hauf, sei es Hin und weg, Das Meer in mir oder Arthur & Claire. Häufig handeln diese Filme von einer letzten großen Reise, von ungelösten Konflikten mit Freunden oder Angehörigen und einem optimistischen Salut an das Leben.

Bon Voyage ist keine Ausnahme, sondern vereint all das in seinen gut neunzig Minuten. Hélène Vincent spielt die Todkranke mit so viel Stolz und Demut, dass man sie um ihre Haltung nur beneiden kann. Sie ist eine Frau, die ein erfülltes Leben geführt und ihren Mann vor einigen Jahren unerwartet verloren hat. Auch zu ihrem Sohn hat sie grundsätzlich kein schlechtes Verhältnis, nur haben sie sich ein wenig entfremdet, aber ein großer Konflikt steht nicht zwischen ihnen.

Auch zu ihrer Enkelin, die auf der Reise ihre erste Periode erlebt und damit in eine neue, aufregende Phase ihres Lebens eintritt (wofür die Schauspielerin, nebenbei bemerkt, mit ihren achtzehn Jahren viel zu alt ist) hat Marie ein gutes Verhältnis. So bleibt in Ermangelung an ernstzunehmenden Konflikten nur die Scheu vor der Wahrheit übrig, die manchmal zu amüsanten Missverständnissen führt.

Leider trägt dies nicht den Film, der in erster Linie von seinen sympathischen Figuren lebt. Man mag eigentlich die gesamte Familie und sogar den etwas unkonventionellen Pfleger Rudy mit seiner zahmen Ratte, auch wenn man sich wundert, warum er Marie unbedingt auf dieser Reise begleiten soll. Neben dem fehlenden Konflikt zwischen den Figuren versäumt auch das Drehbuch von Regisseurin Enya Baroux, an dem auch Philippe Barrière und Martin Darondeau mitgewirkt haben, den Reisenden möglichst viele Hindernisse in den Weg zu legen. Ein Motorschaden ist noch das Schlimmste, was ihnen zustößt.

So plätschert der Film lange Zeit unaufgeregt, aber durchweg interessant vor sich hin. Die Familienmitglieder kabbeln sich ein bisschen, wobei frühere Verletzungen zwar angedeutet, aber nie vertieft werden, und das Ganze ist ungefähr so spektakulär, wie einen Streit seiner Nachbarn zu beobachten. Auch das Ende ist, obwohl einigermaßen berührend umgesetzt, vollkommen vorhersehbar.

Wer sich für das Thema interessiert, macht mit dem Film nichts verkehrt, die Figuren sind sympathisch, die Geschichte wohltuend unaufgeregt und das Ende durchaus bewegend. Man hätte sich nur etwas mehr Mut und Einfallsreichtum gewünscht.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.