Die Odyssee

Als Kind war ich eine ganze Weile lang geradezu besessen von der Antike und habe Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums mehrfach verschlungen, ebenso wie etliche andere Werke. Man kann sagen, ich war ein klassischer Nerd. Das ist alles natürlich schon lange her und sicherlich kein allzu schlechtes Fundament für eine solide Allgemeinbildung, auch wenn ich mich nicht mehr an alle Namen und Details erinnern kann. Als Christopher Nolan vor ungefähr zwei Jahren ankündigt hat, als nächstes Die Odyssee zu verfilmen, hätte ich eigentlich völlig aus dem Häuschen sein müssen. Doch mein Enthusiasmus hielt sich in Grenzen, zum einen, weil Nolan zwar ein toller Regisseur ist, ich aber immer wieder mit seiner Arbeit als Drehbuchautor hadere, zum anderen, weil eine adäquate Umsetzung dieses Monumentalstoffes nahezu eine Unmöglichkeit ist. Ich war neugierig, habe aber nicht allzu viel erwartet.

Dieser Eindruck wurde nach der Sichtung des ersten Teaser-Trailers bestärkt, der mir zu nichtssagend und pathetisch erschien und mich mit seinen dunklen Farben fatal an die Filme von Zack Snyder erinnerte. Aber der spätere Trailer war deutlich besser und vor allem actionlastiger, und mit der Zeit stieg meine Neugier. Deshalb sind wir in der Startwoche sogar nach Neu-Ulm gefahren, um den Film in Imax zu sehen.

Die Odyssee

Telemachos (Tom Holland) hat keine bewussten Erinnerungen an seinen Vater, der seit beinahe zwanzig Jahren fort und auch acht Jahre nach dem Ende des Trojanischen Krieges noch nicht in seine Heimat Ithaka zurückgekehrt ist. Seine Mutter Penelope (Anne Hathaway) wird seit Jahren von aufdringlichen Freiern wie Antinoos (Robert Pattinson) bedrängt, die die verpflichtende Gastfreundschaft hemmungslos ausnutzen und sie heiraten wollen, weil sie glauben, dass ihr Mann tot und sein Thron verwaist ist. Nur mit List kann sie sich ihnen widersetzen, und Telemachos macht sich schließlich auf den Weg zu König Menelaos (Jon Bernthal), um mehr über das Schicksal seines Vaters zu erfahren.

Derweil lebt Odysseus (Matt Damon) bei der Nymphe Kalypso (Charlize Theron), die ihn nach einem Schiffbruch gefunden und gesund gepflegt hat. Um sein aufgewühltes Gemüt zu beruhigen, hat sie ihm Lotusblüten zu essen gegeben, durch die er jedoch sein Gedächtnis verloren hat, das nun nach und nach zurückkehrt. Und mit den Erinnerungen kehrt auch der Schmerz zurück, denn auf seinen abenteuerlichen Reisen hat Odysseus all seine getreuen Gefährten verloren.

Der Stoff ist so oft verfilmt worden, dass man es kaum mehr zählen kann, und natürlich hat sich jeder Autor, jeder Regisseur dabei einige Freiheiten genommen. Das gilt auch für Christopher Nolan und ist recht und billig. Man kann sich dennoch fragen, ob manche seiner getroffenen Entscheidungen klug waren oder nicht und was er mit seiner Wahl möglicherweise beabsichtigt hat.

Die vielleicht auffälligste Änderung ist das Fehlen der meisten griechischen Götter. Wer Homer kennt, weiß, dass der Krieg um Troja nicht nur von einem Streit unter Göttinnen ausgelöst wurde, sondern auch zu einem epischen Konflikt zwischen ihnen geführt hat, der mit dem Fall der Stadt noch lange nicht beendet war. Auch die Irrfahrten des Odysseus haben viel mit der Rache der Götter und vor allem Poseidons zu tun. Zum Teil klingt das noch an, aber mehr als Vermutung der gebeutelten, abergläubischen Seefahrer, die ihr Unglück mit göttlicher Strafe gleichsetzen, denn als Gewissheit. Die Odyssee als rein menschliches Drama zu erzählen, ist keine so schlechte Idee, auch wenn dadurch ein elementarer Bestandteil des Werkes Homers verloren geht, irritierend ist aber das wiederholte Auftauchen Athenes (Zendaya), das in diesem Zusammenhang völlig überflüssig erscheint und die Idee untergräbt. Nolan rettet sich damit, dass sie nur von Odysseus gesehen wird und vielleicht nur eine Ausgeburt seines Geistes ist. Das ist schwach, aber vermutlich dem Umstand geschuldet, dass Odysseus einen Gesprächspartner braucht, um nicht wie ein vor sich hin brabbelnder Zausel zu erscheinen.

Vielfach wurde kritisiert, dass Matt Damons Odysseus mit amerikanischem Akzent spricht, als wäre ein britischer oder griechischer besser gewesen. Tatsächlich passt dies außerordentlich gut, denn Nolans Odysseus ist ein Proto-Amerikaner, ein traumatisierter Soldat, der Hilfe bei einer Therapeutin (Kalypso) sucht und von ihr angstlösende Medikamente (Lotus) verschrieben bekommt, der mit analytischem Verstand über die Probleme seiner Zeit nachdenkt und Kriege und Missstände bejammert, an deren Existenz er nicht ganz unschuldig ist. Historisch ist das alles nicht korrekt, stellenweise ist es sogar das genaue Gegenteil dessen, was Homer geschrieben hat.

Sehr viel ist vom Gesetz des Zeus die Rede, Xenia, das Gastrecht, das sich wie ein roter Faden durch die Erzählung zieht. Den Griechen war es heilig und seine Verletzung führt in sehr vielen Sagen und Mythen zu schweren Strafen. Im Grunde ist auch die Entführung der Helena (Lupita Nyong’o) eine Missachtung des Gastrechts und damit der unmittelbare Auslöser des Krieges, und das Verhältnis zwischen Einheimischen und Fremden, zwischen Gastgebern und Gästen spielt im Film eine zentrale Rolle.

Man fragt sich, was Nolan damit erzählen will. Geht es um Themen wie Einwanderung und Assimilation? Um das delikate Verhältnis zwischen Einheimischen und Fremden, Bürgern und Flüchtlingen und um das komplizierte Geflecht gegenseitiger Verpflichtungen und Rechte, das ihr Zusammenleben bestimmt? Gegen Ende spannt Nolan den Bogen sogar noch weiter und lässt seinen Odysseus zusätzlich über die Brutalität des Krieges sinnieren, der vielleicht mit einem gerechten oder zumindest vertretbaren Grund begann, aber dann in ein Gemetzel endete, das die Grundfesten der Zivilisation selbst erschüttert. Man fragt sich unwillkürlich, welchen augenblicklichen Konflikt er dabei wohl im Sinn hatte oder ob er einfach nur gegen die Sinnlosigkeit des Krieges an sich lamentiert.

Am Ende erweist sich sein Held sogar noch als überaus hellsichtiger und analytischer Beobachter seiner Zeit, der sowohl die geopolitischen und ökonomischen Dimensionen des Trojanischen Krieges erkennt und die Ambitionen seiner Lehnsherren kritisiert als auch scharfsinnig auf ihre Auswirkungen auf die sozio-kulturellen Verwerfungen seiner Epoche schließt. Er spricht sogar vom Ende der Bronzezeit und vertritt in all diesen Ausführungen eine Position, als wäre er ein heutiger Gelehrter. Die ebenfalls vielzitierten Seevölker entpuppen sich dabei als die von ihnen selbst heraufbeschworenen Dämonen der Gier und des falsch verstandenen Ehrgeizes. Auch hier fällt es nicht schwer, Parallelen zur Gegenwart zu ziehen.

Nolans Film ist sehr erfolgreich an den Kassen, wie es bei einem Kult-Regisseur zu erwarten war, wurde aber auch massiv kritisiert. Nicht nur von Historikern, sondern auch von der Rechten, die jedes künstlerische Werk durch das Brennglas des Kulturkampfes betrachtet. Was ein wenig verwunderlich ist, denn die Aussage, dass der Fremde, der das Gastrecht missbraucht und die Regeln der Gemeinschaft, die er aufsucht, missachtet, mit äußerster Strenge und brutaler Gewalt zur Strecke gebracht werden darf, sollte doch eigentlich in ihr Narrativ passen. Auch hier wird Homer zumindest etwas verzerrt wiedergegeben, denn der schmierige Antinoos und seine Kumpane sind keineswegs Fremde, sondern die privilegierte Elite des Königreichs, die sich zu viel herausnimmt und den Staat auf Kosten der Allgemeinheit ausplündert. Was eine komplett andere Erzählung wäre, wenn man dies herausgearbeitet hätte – und die Rechten weit mehr auf die Palme gebracht hätte.

Hauptkritikpunkt ist das Colorblind-Casting, das politisch korrekt jede Menge Rollen mit People of Color besetzt hat, aber offenkundig, wie ihm vorgeworfen wurde, mit keinem einzigen Griechen. Mitunter sorgt das für unfreiwillig komische Momente, wenn Odysseus einem Bauern, den seine Männer gerade ausgeraubt haben, stolz verkündet, dass sie Griechen seien – und man fast ausschließlich in asiatische und schwarze Gesichter blickt. Was wieder einmal belegt, dass diese Besetzungsstrategie in historischen Filmen nichts zu suchen hat. Da fällt kaum noch ins Gewicht, dass die Kostüme und Schiffe historisch nicht korrekt sind oder Agamemnon (Benny Safdie) aussieht, als hätte man Batman oder Darth Vader in die Szene kopiert.

Gut gelungen ist die verschachtelte Struktur der Geschichte, die sowohl Nolans Vorlieben als auch der Vorlage entspricht. Die Schauspieler agieren gut, und vor allem Anne Hathaway verkörpert eine listenreiche und entschlossene Königin. Hier bricht Nolan tatsächlich eine Lanze für die Frauen, auch wenn man sich eine Auseinandersetzung mit Telemachos‘ berühmter Zurechtweisung seiner Mutter gewünscht hätte (und sei es nur, um Mary Beard glücklich zu machen) und dadurch einen zeitgemäßeren Ansatz. Wenn man schon mit Homer bricht und die Odyssee aus dem Blickwinkel der Zuschauer erzählt, wäre das sogar ein Muss gewesen.

Problematisch wird es, wenn man sich Helena und Klytaimnestra ansieht, die beide von Lupita Nyong’o gespielt werden. Penelope und die beiden Schwestern bilden gewissermaßen Gegenpole der Weiblichkeit in der Geschichte, treu und widerstandsfähig die eine, verführerisch, betrügerisch und mordlüstern die beiden anderen, weswegen die eine belohnt, die anderen bestraft werden. Abgesehen davon, dass man die Frauenfiguren wesentlich mutiger und heutiger hätte erzählen können (vielleicht sogar müssen) und in den Taten von Helena und Klytaimnestra einen Aufstand gegen patriarchalische Unterdrückungsstrukturen sehen kann, denen sich Penelope kritiklos unterwirft, schimmert hier noch der homerische Rachegedanke durch, der so bestimmend für sein Werk ist, dem heutigen aufgeklärten (und ja, auch von der christlichen Lehre der Vergebung beeinflussten) Zuschauer aber eher Unbehagen bereitet. Vielleicht war dieser Handlungsstrang in der Rohfassung länger und differenzierter geschildert, man weiß es nicht, in dieser Form besitzt er jedoch ein Geschmäckle.

So ist wie immer bei Nolan alles Hit and Miss. Es wurde im Vorfeld gelobt, dass er in seiner Inszenierung sorgfältig an bestimmte Details denkt, indem beispielsweise das Schwert, das das Trojanische Pferd und einen von Odysseus‘ Kriegern durchbohrt, geistesgegenwärtig mit einem Tuch gereinigt wird, bevor es wieder herausgezogen wird, während man in der nächsten Szene, in der die trojanischen Soldaten im Schlaf überrascht werden, sieht, wie sie sich vollständig gerüstet in den Kampf stürzen, obwohl sie kaum genug Zeit gehabt haben dürften, ihre Sandalen zu schnüren. Ja, eine Kleinigkeit nur, aber wenn man die eine lobt, darf man die andere auch bekritteln. Bei manchen Episoden, etwa dem Kampf gegen die silbernen mittelalterlichen Ritter, die vermutlich die Laistrygonen darstellen sollen, vermutet man sich kurz im falschen Film, andere, wie etwa die Szenen mit Kirke (Samantha Morton) sind von großer Intensität und stellenweise unangenehmer Brutalität. Visuell ist der Film oft beeindruckend, manchmal aber eher platt (die Sirenen) oder bizarr (Polyphem). Aber über Geschmack sollte man sich bekanntlich nicht streiten.

Die Odyssee ist sicherlich nicht Nolans bester Film, auch nicht sein visuell beeindruckendster, aber schlecht ist er auch nicht. Es gibt vieles, das man loben muss, darunter die beeindruckende Musik von Ludwig Göransson, aber mindestens so viele Dinge, die man kritisieren kann. Nolan will zu viel und hat sich ein zu monumentales Werk vorgenommen, um einen einzigen Film daraus zu machen, in der Folge will er über den Fall Trojas und die Odyssee in einem opulenten Bildspektakel erzählten, sie aber gleichzeitig aus der Sicht heutiger Gelehrter neu interpretieren, er will den fantastischen Mythos und die historische Rezeption in einem, und das funktioniert leider nicht. Dennoch ist Nolans Odyssee ein unterhaltsamer Film, der dem Zuschauer etwas über sich selbst erzählen will, er ist nur nicht Homers Odyssee, die uns ein Fenster öffnet in eine längst vergangene Kultur mit einem komplett anderen Mindset und fremden Werten.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.