Wake Up, Dead Man: A Knives Out Mystery

Nachdem Knives Out – Mord ist Familiensache ein weltweiter Hit geworden war, rechnete eigentlich jeder damit, dass weitere Teile folgen würden, allerdings im Kino, nicht bei einem Streamer. Doch Autor, Regisseur und Produzent Rian Johnson verkaufte die Rechte an Netflix, wo auch der zweite Teil Glass Onion: A Knives Out Mystery erschienen ist. Verglichen mit dem charmanten und gut gemachten Original trieb die miese Qualität der Zwiebel einem eher Tränen in die Augen, aber sei’s drum. Nun ist Teil 3 erschienen, und wir haben ihn uns angesehen.

Wake Up, Dead Man: A Knives Out Mystery

Jud Duplenticy (Josh O’Conor) war früher Boxer, tötete aber einen Gegner im Ring und wurde anschließend katholischer Priester. Nun schickt ihn sein Bischof (Jeffrey Wright) in eine kleine Gemeinde im Norden New Yorks, wo ein unkonventioneller Pfarrer für Unruhe sorgt. Monsignore Jefferson Wicks (Josh Brolin) predigt ein kämpferisches, sich gegen zeitgenössische Strömungen aggressiv wehrendes Christentum und wendet sich dabei immer wieder gegen einzelne Gemeindemitglieder, die in der Folge seiner Kirche den Rücken kehren. Nur eine Handvoll hartgesottener Anhänger ist ihm geblieben: Der Autor Lee Ross (Andrew Scott), der ein Buch über Wicks schreiben will, Der Arzt Dr. Nat Sharp (Jeremy Renner), der an der Flasche hängt, seit ihn seine Frau verlassen hat, die Anwältin Vera Draven (Kerry Washington) und ihr Sohn Cy (Daryl McCormack), der als rechtsradikaler Politiker gescheitert ist und sich nun als Influencer versucht, sowie Simone Vivane (Cailee Spaeny), eine von schwerer Krankheit heimgesuchte Cellistin, die auf ein Wunder hofft. Der gutmütige Jud hat es unter Wicks sehr schwer, sind ihre seelsorgerischen Ansätze doch grundverschieden, und als einige Monate später Wicks mitten im Gottesdienst ermordet wird, steht der junge Priester unter Verdacht.

Vermutlich war Agatha Christie die Königin des Whodunnits, und ihre Landhauskrimis, in denen es immer um scharfsinnige Ermittler in manchmal obskuren Fällen ging, waren so populär, das sie schon vor einem halben Jahrhundert gnadenlos parodiert wurden. Doch Popularität erzeugt auch Nachfolger, und so gab es ebenfalls immer wieder Krimis, die nach einem ähnlichen Muster gestrickt waren, häufig in Serienform. Rian Johnson hat mit Knives Out vor rund acht Jahren einen neuen Hype um dieses Subgenre ausgelöst und nun seinen dritten Teil vorgelegt.

Mit Benoit Blanc (Daniel Craig) gibt es einen genialen Ermittler, einen Privatdetektiv mit einem merkwürdigen Südstaatenakzent, der altmodische Anzüge trägt und reichlich exaltiert auftritt. Man weiß nicht so recht, ob er Hercule Poirot imitieren oder eher parodieren soll, Daniel Craig verleiht der Rolle jedoch eine augenzwinkernde, theatralische Autorität, dass man ihn dafür einfach lieben muss.

Während Agatha Christies Geschichten ihr Setting und ihre Figuren immer ernstgenommen haben, wird die Knives Out-Reihe von postmoderner Ironie dominiert, die vor nichts und niemanden Halt macht. Alle Figuren sind überzeichnet, stellenweise die reinsten Karikaturen, die Storys bizarr, das Setting ist meist over-the-top. Aber der erste Film hat vor allem aufgrund seiner illustren Besetzung eine Menge Spaß gemacht, und es sind auch in diesem Film vor allem die Schauspieler, die einen bei der Stange halten.

Josh O’Connor ist ja fast immer brillant, aber hier spielt er Daniel Craig locker gegen die Wand. Sein Jud ist ein wenig gutgläubig, hilfsbereit und gütig, er lebt seinen Glauben und versucht, die christliche Botschaft in die moderne Zeit zu transportieren, besitzt zugleich aber eine düstere Vergangenheit und eine gewalttätige Ader, die er sorgsam verborgen hält. Seine Figur ist das Herz der Geschichte. Josh Brolin hat einige bemerkenswerte Auftritte als wütender Prediger, der seine Schafe mit harter Hand führt, aber sein Verhalten wird mit der Zeit immer fragwürdiger und schwieriger nachzuvollziehen.

Das trifft auch für einige andere Figuren zu, insbesondere für Martha Delacroix (Glenn Close), die gute Seele der Gemeinde, die mit Wicks seit ihrer Kindheit verbunden ist. Dessen Ermordung hängt tatsächlich, so viel sei verraten, mit seiner Familiengeschichte zusammen: Sein Großvater (James Faulkner) hat die Gemeinde mit seinem riesigen Vermögen groß gemacht, seine Tochter (Annie Hamilton) hätte sie mit ihrem unzüchtigen Verhalten beinahe zerstört.

Rian Johnsons großes Thema ist die fanatische religiöse Rechte, die zunehmend die US-amerikanische Politik dominiert und unter der Trump-Regierung das Land mit Feuereifer mindestens sechs Jahrzehnte zurückwerfen will. Hätte er sich auf eine evangelikale Kirchengemeinde im Bibel-Belt konzentriert, hätte die Geschichte der Wicks durchaus Sinn ergeben, sie aber auf eine katholische Gemeinde in New York zu übertragen, funktioniert nur, wenn man bereitwillig beide Augen zudrückt. Die katholische Kirche ist zwar auch konservativ, nimmt aber nicht so großen Einfluss auf die Politik wie die Evangelikalen, und das ist ein Unterschied von einigem Gewicht. Auch der familiäre Hintergrund wäre auf diese Weise viel leichter zu erklären gewesen.

So entsteht von Anfang an der Eindruck, dass das Setting sich nicht richtig anfühlt, viel zu papieren, viel zu konstruiert ist. Und das überträgt sich schließlich auch auf die Handlung, die ebenfalls überkonstruiert ist und daher in der Auflösung nicht hundertprozentig überzeugen kann. Alles wird viel zu umständlich und weitschweifig erzählt, weil Johnson natürlich so raffiniert wie möglich sein will. Aber in der Summe passt das alles nicht zusammen und funktioniert nur, wenn man etliche irrationale Handlungen diverser Figuren ignoriert. Das ist schade, denn im ersten Drittel macht der Film eine Menge Spaß.

Wer Gefallen an diesen humorvoll aufbereiteten Häkelkrimis hat, wird den Film sicherlich mögen, die meisten Darsteller sind großartig, der Look edel und stimmig, die Regie sehr solide. Man hätte sich nur mehr Glaubwürdigkeit gewünscht, mehr Plausibilität und Tempo.

Note: 3

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.