Glennkill: Ein Schafskrimi

Als der Roman vor rund zwanzig Jahren erschienen ist, war ich eine Weile versucht, ihn zu lesen, weil er überaus beliebt zu sein schien und die Idee ganz putzig ist. Aber ich bin kein riesiger Krimifan, und mein SuB (Stapel ungelesener Bücher) hatte bereits damals die Ausmaße und den Neigungswinkel des Turms zu Babel erreicht. Jedenfalls bin ich nie dazu gekommen, und irgendwann war der Titel dann vergessen.

Nun läuft eine britische Adaption in unseren Kinos, sehr erfolgreich natürlich, wie man es angesichts einer Bestsellerverfilmung und einigen hochkarätigen Namen in der Cast erwarten kann, allzu viel hat diese mit der Romanvorlage allerdings nicht zu tun. Zumindest wenn man Wikipedia glauben mag. Einerseits ist das schade, denn wenn man sich schon die Mühe macht, ein beliebtes Werk zu adaptieren, sollte es doch möglichst nah am Original sein, andererseits kann sich nach zwanzig Jahren vielleicht nicht mehr jeder an die Story erinnern.

Glennkill: Ein Schafskrimi

George (Hugh Jackman) ist ein leidenschaftlicher Schäfer, der am Rande eines idyllischen britischen Dorfes lebt und seinen Tieren am liebsten Kriminalromane vorliest. Eines Tages findet die Herde ihn jedoch tot auf der Wiese, und der Dorfpolizist Tim (Nicholas Braun), der nicht besonders clever ist, glaubt an eine natürliche Todesursache. Doch der findige Reporter Elliot (Nicholas Glatizine) und die Schafe unter der Führung der smarten Lily halten es für  Mord und wollen den Täter zur Strecke bringen.

Mitte der Neunzigerjahre, als die Spezialeffekte immer besser wurden, war Ein Schweinchen namens Babe ein großer Hit. Sprechende Tiere hatte es natürlich auch schon früher auf der großen Leinwand gegeben, aber dank der Computertechnologie war es nun möglich, die Mäuler lippensynchron anzupassen, so dass es tatsächlich so aussah, als würden sie reden. Dafür gab es damals einen Oscar für die besten Spezialeffekte. Seither ist das alles ein alter Hut, und die heutige Generation, die sich schwätzendes Gemüse auf TikTok anschaut, wird bei diesem Film vielleicht nur müde lächeln und alle, die sich damals darüber begeistert haben, als Dinosaurier bezeichnen. Vermutlich zu recht. Sieht man sich allerdings die Schafe in Glennkill: Ein Schafskrimi an, hat man nicht das Gefühl, dass die Technologie seit dem sprechenden Ferkel riesige Fortschritte gemacht hätte.

Aber möglicherweise ist der leicht künstliche Look der Schafe auch Absicht, schließlich sieht auch das Dorf nicht wirklich real aus, sondern wie die Kulisse aus einem Imagevideo, und nach den ersten, irritierenden Minuten hat man sich auch daran gewöhnt. Wie Ein Schweinchen namens Babe ist auch dieser Film reines Family Entertainment und zielt auf das gleiche Publikum ab, das heute vielleicht mit seinen Kindern oder Enkelkindern ins Kino geht. Und da Whodunnits und Landhaus-Krimis à la Agatha Christie zurzeit ebenfalls hoch im Kurs stehen, passt die Kombination aus beiden Genres einfach perfekt.

Man muss jedoch sagen, dass die Krimihandlung etwas dünn ist, man könnte sagen: So mager wie das Winterlamm. George lebte zwar in einem Wohnwagen, entpuppt sich aber als reicher Mann, und sehr schnell gerät eine Person ins Visier des trotteligen Polizisten, von der der Zuschauer natürlich längst weiß, dass sie viel zu sympathisch ist, um zu morden. Weitere Verdächtige gibt es praktisch nicht, nur eine so offenkundige falsche Fährte, dass niemand darauf reinfällt, der schon mal einen Krimi gesehen hat, und nach der Hälfte des Films weiß man sowieso schon, wer der Mörder ist.

Aber das ist durchaus okay, denn das Pfund, mit dem der Film wuchern kann, sind seine knuffigen, flauschigen Ermittler. Schafe sind süß, das wissen wir schon, seit ein Exemplar namens Shaun sein Unwesen treibt, und wenn Tiere Menschen imitieren, ist das auch immer ein wenig lehrreich für die Zweibeiner. So geht es im Drehbuch von Craig Mazin durchaus um ernste Dinge wie den Tod und schmerzhafte Erinnerungen, denen wir uns alle stellen müssen, um Verlustängste und gesellschaftliche Ausgrenzung. Im Original heißt der Film The Sheep Detectives, er hätte aber auch The Sheep Philosophers heißen können.

Der Trailer suggeriert zudem eine Menge Humor, und auch wenn man als Zuschauer immer wieder auf seine Kosten kommt, und es mindestens eine überaus köstliche Szene gibt, hätte man sich gerne mehr davon gewünscht. Man wird aber durch die Bank gut unterhalten, langweilt sich nie und verdrückt am Ende sogar ein Tränchen, obwohl Regisseur Kyle Baida etwas zu tief in die Kitschkiste greift.

Alles in allem ist Glennkill: Ein Schafskrimi solide, gut gemachte Unterhaltung, ein wollig-weiches Vergnügen, von dem wir mit Sicherheit noch mehr zu sehen bekommen werden.

Note: 3

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.