Das Ende einer Affäre

Der Film ging 1999 komplett an mir vorüber, was kein Wunder ist, hatte er trotz Starbesetzung nur 77.000 Besucher und zählte das Jahr zu einem der qualitativ besten der gesamten Filmgeschichte mit vielen Produktionen, die für mehr Furore gesorgt haben. Dennoch erhielt der Film zwei Oscarnominierungen, und das Drehbuch von Neil Jordan gewann einige Preise. Aber aufmerksam geworden bin ich erst auf ihn durch – einen Regenschirm. Dieser liegt, seit er als Werbepräsent auf einer Tradeshow verschenkt wurde, in unserem Garderobenschrank und kommt immer noch regelmäßig zum Einsatz. Und ebenso regelmäßig dürften sich manche Passanten wundern, warum auf dem Schirm Das Ende einer Affäre steht.

Vor einiger Zeit wurde der Film bei Cabel Eins Classics ausgestrahlt, zusammen mit der ersten Adaption des Graham Greene-Romans, die 1955 in die Kinos kam. Ich hatte aber keine Lust, mir beide Produktionen anzuschauen und zu vergleichen, sondern war vor allem neugierig auf den Film zum Schirm.

Das Ende einer Affäre

Maurice (Ralph Fiennes) lebt als Schriftsteller in London, wo er an einem verregneten Abend kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einen alten Bekannten trifft. Henry (Stephen Rea) arbeitet in einem Ministerium und ist mit der schönen Sarah (Julianne Moore) verheiratet, mit der Maurice während des Krieges eine Affäre hatte. Als Henry sich darüber beklagt, dass seine Frau anscheinend einen Liebhaber hat, reagiert Maurice, der nie verstanden hat, warum Sarah ihre Beziehung beendete, so eifersüchtig, dass er einen Privatdetektiv (Ian Hart) engagiert.

Die Geschichte trägt einige autobiografische Züge. So unterhielt auch Graham Greene eine Affäre mit einer verheirateten Frau, der er sogar diesen Roman widmete, außerdem setzt der konvertierte Katholik sich darin explizit mit seinem Glauben auseinander. Das Ende einer Affäre zählt daher zu den sogenannten katholischen Romanen Greenes. Thematisch ist er auch mit den Werken von Evelyn Waugh verwandt, etwa Wiedersehen mit Brideshead. Anders als etwa Kathryn Hulmes Roman Geschichte einer Nonne, der ungefähr zur selben Zeit erschien und sehr erfolgreich – und sehr gut – mit Audrey Hepburn verfilmt wurde, betonen beide Geschichte weniger die lebensbejahenden, positiven Aspekte des Glaubens, sondern beschäftigen sich vielmehr mit menschlicher Einsamkeit, Verzweiflung und Glaubenskrisen. Themen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aktuell waren, heute Leser und Zuschauer aber eher weniger ansprechen.

Das Ende einer Affäre beginnt mit einem „Tagebuch des Hasses“, in dem der Schriftsteller Maurice Bilanz zieht und Gott für all sein Leid verantwortlich macht. In verschachtelten Rückblenden erfährt man anschließend, wie Maurice Sarah 1939 kennenlernt, wie ihre leidenschaftliche Affäre verläuft und warum er auch nach deren Ende, das ihm ein Rätsel bleibt, von Eifersucht zerfressen ist. Es ist eine rein männliche Sicht: Maurice kann Sarah nicht besitzen, will aber wissen, welchem neuen Mann sie ihre Gunst schenkt, und stößt dabei auf einen Priester (Jason Isaacs), durch den die Story schließlich eine unerwartete, aber leider vorhersehbare Wendung nimmt.

Neil Jordan, der für Drehbuch und Regie verantwortlich ist, arrangiert sehr schön diese verhängnisvolle Liebesgeschichte auf mehreren Zeitebenen, lässt Erinnerungen an vergangene Begegnungen in die Handlung einfließen und nimmt dadurch Ereignisse vorweg, die erst einige Szenen später folgen. Vergangenheit und Gegenwart werden so zu einer komplexen Einheit verschmolzen, durch die die Liebesgeschichte tatsächlich etwas Zeitloses erhält. Sarah versichert Maurice immer wieder, ihn zu lieben, selbst dann, wenn sie sich nicht mehr sehen können, und schafft auf diese Weise eine Analogie zu ihrem Glauben, die für einen Empiriker wie Maurice nicht nachvollziehbar ist. Für ihn ist das Ende der Affäre gleichbedeutend mit dem Ende ihrer Zuneigung, weil Sarah ihm ihre Beweggründe verschweigt. Dass er, zwei Jahre später, aber immer noch Eifersucht empfindet, ist für ihn der indirekte Beweis seiner Liebe, und ironischerweise findet er auf recht ähnliche Art am Ende tatsächlich zum Glauben – auch wenn ihn das fast zerstört.

Die Geschichte setzt sich intensiv mit großen Gefühlen auseinander und schwelgt dabei immer wieder auch in leidenschaftlichen Szenen. Während des Krieges frönen Sarah und Maurice in geheimen Treffen ihrer Lust, ungeachtet der Gefahr durch deutsche Bomben, die um sie herum London in Schutt und Asche legen. Auch das eine schöne Metapher für die zerstörerische, selbstsüchtige Macht der Leidenschaft.

Seltsamerweise bleibt diese Leidenschaft jedoch abstrakt und schwer fassbar. Vielleicht liegt es an einem Mangel an Chemie zwischen den Darstellern, an den zu nüchternen, oft analytischen Dialogen oder an der insgesamt etwas zu spröden Inszenierung. Der Funke will nicht so recht überspringen. Zumal die beiden Figuren sich ausgesprochen egoistisch verhalten.

In der zweiten Hälfte, wenn Jordan die Handlung teilweise erneut und diesmal aus Sarahs Sicht erzählt, wird der Film zu einem religiös motivierten Melodram, fast schon zu einer Heiligenvita. Das mutet manchmal etwas einfältig, manchmal märchenhaft an, berührt einen jedoch eher selten. Außerdem gibt es für einen Film, der von einer geheimen Affäre, quälender Eifersucht und Liebesverzicht handelt, erstaunlich wenig Konflikte und packende Momente. Vielleicht ist aber auch der viele Regen daran schuld und das damit einhergehende verhaltene britische Temperament.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.