The Whale

Manchmal hat man vor, einen bestimmten Film anzuschauen, schafft es aber nicht ins Kino oder verpennt den Starttermin, später will man ihn streamen, hat aber entweder gerade keine Lust auf das Genre oder setzt den Titel auf die Watchlist – und vergisst ihn dann. So ging es mir mit The Whale, den ich nun endlich nach vier Jahren nachholen konnte, und zwar genau 27 Stunden, bevor er bei Prime Video verschwand. Früher wäre mir das nie passiert, aber früher gab es auch nicht so viel Content.

The Whale

Charlie (Brendan Fraser) ist fettleibig, schwer herzkrank und depressiv. Seine beste Freundin Liz (Hong Chau) arbeitet als Krankenschwester und versorgt ihn, so gut sie kann, und sie sagt ihm auch, dass er nur noch wenige Tage zu leben hat, wenn er sich nicht ins Krankenhaus einweisen lässt. Aber Charlie hat mit dem Leben abgeschlossen, möchte aber, bevor er geht, noch einen letzten Versuch unternehmen, sich mit seine halbwüchsigen Tochter Ellie (Sadie Sink) zu versöhnen, die es ihm immer noch übel nimmt, dass er sie und ihre Mutter (Samantha Morton) einst verlassen hat, um mit seinem Geliebten zusammenzuleben.

Gleich in der ersten Szene erleidet Charlie, der als Englischlehrer Online-College-Kurse gibt, einen Herzanfall, und um sich zu beruhigen, liest er sich den besten Aufsatz vor, der ihm je untergekommen ist und der eine schonungslos ehrliche Rezension von Moby Dick ist. Auch Charlie fühlt sich oft wie ein gestrandeter Wal, der aufgrund seiner gewaltigen Körperfülle kaum noch in der Lage ist, aus seinem Sessel aufzustehen, und Brendan Fraser liefert hier die mit Abstand beste schauspielerische Leistung seiner Karriere ab, für die er völlig zu Recht mit dem Oscar belohnt wurde. Sein Charlie ist ein Koloss, in dem jedoch eine zarte, verletzte Seele steckt, der nie den Freitod seines Lebensgefährten verarbeitet hat, und so wie der zu Beginn unbekannte Autor des Aufsatzes konstatiert, dass der Erzähler in Moby Dick mit den endlosen Beschreibungen des Wals seine eigene traurige Geschichte verbergen möchte, liegt auch hier eine Story voller Leid und Schmerz zugrunde.

The Whale ist aber mehr als eine klassische Traumaerzählung, obwohl sämtliche Figuren schwer an ihren persönlichen Verlusten zu tragen haben und darauf unterschiedlich reagieren. Während Charlie resigniert und sich mit Essen vollstopft, rebelliert seine Tochter voller Wut gegen eine ungerechte Welt, der sie mit Zynismus und Bitterkeit begegnet. Sie ist voller Hass auf alle Menschen, ganz im Gegensatz zu ihrem Vater, der mit Güte und Optimismus auf eine Welt voller Schmerz blickt. Charlie sieht in jedem Menschen nur das Beste, und er ist sich sicher, dass Ellie eine wunderbare Person ist, die ihre tiefempfundene Empathie mit wütender Rhetorik zu kaschieren versucht.

Darren Aronofskys Film basiert auf einem Theaterstück von Samuel D. Hunter, der auch das Drehbuch verfasst hat, und man sieht ihm diese Herkunft deutlich an. Die Kamera verlässt fast nie Charlies kleine Wohnung, und das nahezu quadratische Bildformat unterstreicht den theaterhaften Eindruck noch. Neben Liz und Ellie taucht noch der junge Missionar Thomas (Ty Simpkins) bei Charlie auf, weil er den schwulen Mann vor der ewigen Verdammnis retten will, aber auch selbst mit einigen Problemen zu kämpfen hat.

Thomas und Charlie treibt der Wunsch um, wenigstens eine Sache in ihrem Leben richtig zu machen, um ihrem Dasein einen Sinn zu verleihen, und beide sind auf der Suche nach Heilung und Vergebung. The Whale ist ein zarter, ruhiger Film, der erst spät eine gewisse dramatische Wucht entwickelt, die aber verglichen mit ähnlichen Produktionen wie etwa Marvins Töchter relativ verhalten bleibt. Der Vater-Tochter-Konflikt entwickelt sich nur mühsam weiter, bleibt dadurch aber realistisch und driftet nie ins Kitschige ab, obwohl man durchaus am Ende das eine oder andere Tränchen verdrückt.

Insgesamt ist The Whale ein wunderbarer, trauriger Film, der mit Leichtigkeit schwere Themen wie Schuld und Vergebung, Empathie und Ehrlichkeit verhandelt, und Brendan Frasers Charlie gehört zu jenen Figuren der Filmgeschichte, die man so schnell nicht vergessen wird.

Note: 2

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.