The Favourite – Lügen und Intrigen

Als großer Fan historischer Stoffe wäre diese Geschichte eigentlich ein Leckerbissen für mich gewesen. Nur hat mir der Trailer überhaupt nicht gefallen, und trotz der guten, mitunter sogar euphorischen Kritiken und dem Oscargewinn hatte ich nicht die geringste Lust, ihn mir anzuschauen. Zum großen Teil lag das an der Inszenierung Queen Annes als hilfloses und geistig minderbemitteltes Spielzeug ihrer Günstlinge, die eine zeitgenössische Schmutzkampagne aufgreift, die lange Zeit das Bild der Monarchin geprägt hat, inzwischen aber schon lange als überholt gilt. Historisch korrekt wirkte das alles nicht und war zudem noch allzu überdreht und irgendwie billig inszeniert.

Dennoch war ich wegen Coleman, die ich als Schauspielerin sehr schätze, ein kleines bisschen neugierig, und so habe ich mich nach sieben Jahren doch noch überwunden und mir ein wenig widerwillig den Film angesehen. Was sich vermutlich auch in meiner Kritik niederschlägt. Nur so als Vorwarnung.

The Favourite – Lügen und Intrigen

Nach dem Bankrott ihres Vaters reist Abigail Hill (Emma Stone) an den britischen Hof, um ihre Cousine Sarah Churchill (Rachel Weisz) um ihre Unterstützung zu bitten. Doch diese lässt sie als Magd in der Küche arbeiten. Erst als es Abigail gelingt, die Leiden der Königin Anne (Olivia Coleman) mit selbst gesammelten Heilkräutern zu lindern, steigt sie in Sarahs Gunst auf und wird als Zofe aufgenommen. Doch in Abigail erwacht nun der Ehrgeiz, und nachdem sie Intimitäten zwischen Anne und Sarah beobachtet hat, setzt sie ihre Verführungskünste bei der alternden Monarchin ein.

Obwohl die handelnden Personen allesamt reale Vorbilder haben, weicht das Drehbuch von Deborah Davis und Tony McNamara weit von der historischen Ereignissen ab. Sogar ohne historische Vorkenntnisse sind manche Episoden, etwa Abigails Dienste als Küchenmagd, völlig lächerlich und unglaubwürdig. Tatsächlich wurde die historische Abigail schon früh als Zofe in den Haushalt der Königin eingeführt, weil Sarah Churchill sich aus dem politischen Leben zurückziehen wollte und nach einer Nachfolgerin suchte, über die sie weiterhin die Monarchin beeinflussen konnte. Womit sich eine wesentlich komplexere und völlig andere Dynamik entwickelt.

Natürlich ist es legitim, die historischen Ereignisse zugunsten einer packenden Dramaturgie zu verändern, sogar komplett zu verdrehen. Amadeus ist das beste Beispiel dafür. Aber wenn man sich schon eine solche Geschichte ausdenkt, sollten wenigstens die Details im historischen Setting stimmig sein, und da kann man bei diesem Werk durchaus seine Zweifel haben. Etwa bei den albernen Discotänzen, die selbst im Studio 54 lächerlich gewirkt hätten. Es scheint, dass alles möglichst grotesk ausgeschmückt werden sollte, um den Zumutungen und der Willkür am königlichen Hof, denen die Figuren ausgesetzt sind, ein passendes Gesicht zu geben. Dabei wäre mit etwas Subtilität viel mehr erreicht worden, hätte sich die Wirksamkeit mancher Szene massiv steigern lassen, ohne dass man von manchen vulgären Einfällen angewidert gewesen wäre.

Aber Subtilität scheint nicht die Stärke von Yorgos Lanthimos‘ zu sein, der auch bei Poor Things mit einem arg groben Pinsel gemalt hat. Damit trifft er offenbar den Nerv unserer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne des Zuschauers möglicherweise nicht mehr ausreicht, um subtile Nuancen zu erkennen oder eine feinsinnige Satire zu schätzen. Alles muss simpel sein, grell und überdeutlich, und so reduziert das Drehbuch eine Story, die eine Studie über weibliche Autonomie und Machtansprüche hätte werden können, in eine süffige, skandalöse Dreiecks-Liebesgeschichte, die außer den Namen der Protagonisten nicht viel mit der Historie gemein hat.

Die Cinderella-Note zu Beginn sorgt immerhin dafür, dass man als Zuschauer die junge, unschuldige Abigail ins Herz schließt – bis man sie näher kennenlernt. Je länger der Film dauert, desto unsympathischer wird sie, Macht verdirbt bekanntlich den Charakter, und da man sowohl Sarah als auch Anne von Anfang an nicht leiden kann, wird es in der zweiten Hälfte immer schwieriger, das Interesse an den Kabalen aufrecht zu erhalten.

Die Darsteller sind immer superb, auch die Ausstattung und die Kostüme sorgen für Schauwerte, sofern man das bei der viel zu oft eingesetzten Fischaugenoptik und den schwach ausgeleuchteten Sets überhaupt erkennen. Auch ist die Geschichte über Liebe, Eifersucht und Machtstreben nicht gänzlich uninteressant, tendenziell etwas zu lang und redundant erzählt, aber weitgehend unterhaltsam. Und das ist mehr, als man im Vorfeld von dem Film erwarten konnte.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.