Normalerweise kann ich bei einem Historienfilm nie Nein sagen, aber seit einigen Jahren kommen wieder vermehrt Filme auf den Markt, die einen dermaßen angestrengten künstlerischen Willen an den Tag legen, dass mir häufig schon bei der Sichtung des Trailers die Lust darauf vergeht. Auch früher hat es künstlerisch überambitionierte Projekte gegeben, Barry Lyndon etwa oder Der Kontrakt des Zeichners, die aber bei aller Künstlichkeit eine starke Substanz hatten und mit viel Raffinesse inszeniert waren.
Heute werden historische Stoffe gerne mit einer beißenden Gesellschaftssatire unterlegt oder sie verfolgen eine politische Agenda, indem sie ihre Story aus einem feministischen Blickwinkel erzählen oder mit Colorblind-Casting ein Bekenntnis zur political Correctness unserer Zeit ablegen und dadurch Geschichtsverfälschung betreiben. Savage House fällt in die Satire-Kategorie, ähnlich wie The Favourite, der ungefähr zur gleichen Zeit spielt und um den es morgen hier gehen wird, und ich habe ihn mir vor allem deshalb am Startwochenende angesehen, weil es heiß war und ich eine Abkühlung brauchte.
Savage House
Sir Chauncey Savage (Richard E. Grant) ist ein sozialer Aufsteiger, der aus einer Krämerfamilie stammt und es durch Betrug und charmantes Auftreten geschafft hat, in Adelskreisen zu verkehren. Er heiratete Lady Savage (Claire Foy), die aus einer verarmten und in Ungnade gefallenen Familie stammt, nahm ihren Namen an und verprasste den Rest ihres schwindenden Vermögens. Inzwischen ist ihre Tochter Fanny (Kila Lord Cassidy) erwachsen und die Familie sozial geächtet. Ihr Herrenhaus verfällt, ihre Ländereien sind mit Hypotheken belastet, und sie können sich neben einem Koch nur noch einen Kammerdiener und eine Zofe leisten. Der Diener Reginald Halifax (Jack Farthing) unterstützt Chauncey bei seinem Betrügereien und hat ein heimliches Verhältnis mit Lady Savage, während ihre Zofe Dorothy (Bel Powley) mit Chauncey schläft – und mit Halifax heimlich dessen Ermordung plant. Als sich unerwartet der Besuch eines Herzogspaars ankündigt, wittern die Savages die Gelegenheit, ihren alten Status zurückzuerlangen, und stürzen sich dafür in Schulden.
Vieles an Chauncey erinnert an Barry Lyndon, der zwar nicht aus ganz so bescheidenen Verhältnissen stammt, aber ebenfalls eine vermögende Adelige heiratet und ihren Namen annimmt. Wie Lyndon ist auch Chauncey ein Betrüger am Kartentisch, doch wo dieser vornehme Zurückhaltung und blasierte Ennui an den Tag legt, trägt Chauncey ziemlich dick auf. Er ist vulgär und ordinär und hat den Großteil seines alten Charmes eingebüßt, das gute Leben hat zudem seine Gesundheit ruiniert, denn er leidet an Gicht. Wie alle Emporkömmlinge sehnt er sich verzweifelt nach gesellschaftlicher Anerkennung. Deshalb ist die Anfrage des Herzogspaares auch so überaus verlockend, unterstreicht sie doch seine Bedeutung in der lokalen Gesellschaft und kann ihm weitere Türen öffnen.
Peter Glanz, der das Drehbuch schrieb und Regie führte, siedelt seine Geschichte am Ende der Regierungszeit von Queen Anne an, die von einigen politischen Unruhen geprägt war. So beschäftigt die Frage, ob ein katholischer Stuart oder ein protestantischer Hannoveraner König von England werden soll, auch die Savages und ihre Dinnergäste. Jakobiter treiben ihr Unwesen und werden zu kommunistisch anmutenden Umstürzlern hochstilisiert, außerdem sorgt eine Pockenepidemie zusätzlich für Angst. Vor diesem unsicheren Hintergrund, der von einem Augenblick zum anderen Menschenleben vernichten und noble Häuser stürzen kann, entfaltet sich eine Geschichte, die von blindem, brennendem Ehrgeiz, maßloser Selbstüberschätzung und daraus folgender Selbstzerstörung handelt.
Von Anfang an weiß man, dass das Unterfangen der Savages nur in Chaos und Vernichtung enden kann, und Glanz erzählt seine Geschichte mit viel Schadenfreude und Spaß an der Bloßstellung. Savage House ist prunkvoll und einschüchternd, aber unter dem Glanz lauert der Verfall. Es regnet durch die Decken, Ratten und Mäuse treiben sich überall herum, und die Nachttöpfe werden auf einem großen, dampfenden Haufen direkt vor der Hintertür ausgeleert. Das ist eindrucksvoll inszeniert, aber etwas plakativ.
Auch später wird nicht mit ekligen Details gespart, die die moralische Verkommenheit und den menschlichen wie finanziellen Bankrott des Adels bebildern. Nahaufnahmen von gichtigen Zehen, an denen sich Blutegel gütlich tun, oder einer offenen, eiternden Wunde, in der sich bereits Maden tummeln, Glanz stößt den Zuschauer immer wieder mit der Nase auf sein Thema. Und für alle, die es trotzdem nicht verstanden haben, erklärt ein Kommentator aus dem Off, dass dies die Strafe für die herrschende Klasse ist, die in maßloser Gier und brennendem Ehrgeiz alles um sich herum vernichtet.
Als Zuschauer kann man dennoch seinen Spaß an diesem moralischen Lehrstück haben, denn Grant und Foy agieren überaus köstlich, mit boshaftem Witz und viel Freude, die lasterhaften Züge ihrer Figuren zur Schau zu stellen. Tatsächlich ist der Film weitaus unterhaltsamer als sein Trailer befürchten ließ, so dass auch die Längen nicht allzu schwer ins Gewicht fallen. Wer Historienfilme mag, kann diesem durchaus etwas abgewinnen.
Note: 3-