Project Almanac

Jules Verne, einer der Väter der Science-Fiction, hat sicherlich den bekanntesten und einen der frühesten Romane über Zeitreisen geschrieben, der bereits zweimal verfilmt wurde. Interessanterweise reist der Held darin in die Zukunft, was H.G. Wells Gelegenheit zu etwas Gesellschaftskritik gegeben hat, während die meisten anderen Geschichten eher von einer Reise in die Vergangenheit handeln. Woher er seine Idee hatte, weiß ich nicht, aber ein wenig erinnert dieses Überspringen von Jahrhunderten an die alten Sagen, in denen Menschen in einer verwunschenen Höhle einschlafen und in ferner Zukunft wieder aufwachen.

Heutzutage handeln viele Filme dieses Genres von der Erfindung der notwendigen Technologie, die Zeitreisen ermöglicht, um dem Ganzen einen wissenschaftlichen Ansatz zu geben. Tatsächlich halten manche Physiker Zeitreisen zumindest theoretisch für möglich, und in der Quantenphysik, der metaphysischsten aller Wissenschaften, ist ja sowieso alles möglich. Stephan Hawkings hat übrigens 2009 ein lustiges Experiment durchgeführt, um die Möglichkeit von Zeitreisen zu widerlegen, indem er alle Zeitreisenden zu einer Party einlud, die Einladung aber erst einen Tag später veröffentlichte. Der Schelm.

Die meisten Zeitreisen-Filme sind leider ziemlich unlogisch, weshalb ich mir kaum noch welche anschaue. Dieser wurde mir vor einiger Zeit jedoch von einer meiner Studentinnen wärmstens empfohlen. Man findet ihn auf Paramount+.

Project Almanac

David (Jonny Weston) ist ein klassischer Technik-Nerd, der unbedingt aufs MIT will. Dort wird er zwar angenommen, allerdings ohne ein Vollstipendium zu erhalten, weshalb seine Mutter (Amy Landecker) das Haus der Familie verkaufen will. Beim Stöbern auf dem Dachboden finden David und seine Schwester Chris (Virginia Gardner) eine Kamera, die ihrem verstorbenen Vater gehört hat. Die letzte Aufnahme stammt von Davids siebtem Geburtstag, dem Todestag des Vaters, und darauf ist der erwachsene David zu sehen.

Der Aufhänger der Geschichte macht extrem neugierig. Auf der Videoaufnahme kann man David nur undeutlich erkennen, zu verwaschen ist das Bild, aber einige Details wie die Kleidung stimmen, und David ist sofort davon überzeugt, dass er es ist. Natürlich findet er bald darauf in einem Versteck im Keller, den sein Vater als Heimlabor genutzt hat, die Pläne für eine Zeitmaschine, inklusive des Antriebs. Zusammen mit seinen Freunden Quinn (Sam Lerner) und Adam (Allen Evangelista) beginnt er, die Zeitmaschine zu bauen, wozu glücklicherweise einfache Komponenten aus dem Baumarkt genügen.

Wirklich originell ist die Story nicht, aber die jugendlichen Darsteller sind, trotz ihrer Überdrehtheit, sympathische Nerds und Außenseiter. Chris dokumentiert ihre Bemühungen mit der Kamera ihres Vaters, so wie sie zu Beginn bereits ein Experiment ihres Bruders, mit dem er sich für die Uni beworben hat, aufgezeichnet hat. Denn Project Almanac zählt zur Kategorie der Found-Footage-Filme, die ausschließlich aus vermeintlichen Amateuraufnahmen bestehen. Also vor allem aus verwackelten Handkamera-Aufnahmen. Das soll Authentizität vermitteln, sorgt aber bei vielen Menschen eher für Übelkeit und Gereiztheit. Das größte Problem ist jedoch, dass für das Verständnis der Geschichte und die Entwicklung der Figuren sehr viele Szenen notwendig sind, in denen es keinerlei Anlass für eine Dokumentation gibt. So filmen die Helden praktisch ihr ganzes Leben, was lächerlich und narzisstisch wirkt und vor allem leider unglaubwürdig, außerdem werden so die Möglichkeiten des Regisseurs limitiert, der kaum Gelegenheit für Großaufnahmen oder Montagen hat.

Dennoch passt der hektische, verwackelte Look gut zur Überdrehtheit der Akteure und einem sprunghaften Drehbuch, das vor allem in der zweiten Hälfte erratische Züge annimmt. Die Autoren Andrew Deutschmann und Jason Pagan nehmen sich am Anfang viel Zeit, um die Schwierigkeiten beim Bau der Zeitmaschine auszuschmücken, versäumen dabei aber, ihren Figuren mehr Konturen zu verleihen. David wurde zwar ein Trauma angedichtet, immerhin starb der Vater an seinem Geburtstag, aber auch daraus wird nicht viel gemacht. So plant er beispielsweise nie, den Unfalltod des Vaters zu verhindern. Was die Autoren immerhin geschickt erklären, indem sie den Rahmen der Zeitreise eng begrenzen. Dennoch erwartet man, dass dieser Aspekt eine größere Rolle spielen würde.

Um die Story etwas aufzupeppen, bekommt David noch einen Love-interest in Gestalt der hübschen Jesse (Sofia Black-D’Elia), die schon bald fest zur Gruppe gehört. Und es ist Davids Unvermögen, seine Emotionen angemessen zu zeigen, das schließlich für die größten Probleme sorgt. An und für sich ein schöner Einfall, auch wenn jeder Zuschauer sofort weiß, dass Davids Versuch, seine Unzulänglichkeiten auszugleichen, in einer Katastrophe enden wird, weil er die falschen Mittel wählt. Hier offenbaren sich die Versäumnisse der ersten Hälfte, die Figuren nicht gründlich genug vorgestellt zu haben.

Im Grund erzählt der Film von Dean Isrealite eine klassische Geschichte über Hybris und erinnert dabei stark an Produktionen wie Chronicle – Wozu bist du fähig?. Die Jugendlichen glauben, mit einer Zeitmaschine alle ihre Probleme lösen zu können, und zu Beginn ist dies noch ganz witzig, wenn sie eine schlechte Schulnote verhindern oder sich an fiesen Mobberinnen rächen wollen. Daraus hätte man ruhig noch mehr machen können, aber mit dem Lottogewinn, der ihnen plötzlichen Reichtum beschert, verwandeln sich die sympathischen Nebenfiguren in Nervensägen, und danach fällt den Autoren nicht mehr viel ein.

Davids „Sündenfall“, ein Verstoß gegen die selbst auferlegten Regeln, ist als Startpunkt für die zweite Hälfte gar nicht mal schlecht gewählt, nur wird diese Idee leider schlecht umgesetzt, und der Film verliert danach rapide an Glaubwürdigkeit und Plausibilität. Es werden einfach nur noch Dinge behauptet, die man nicht nachvollziehen kann, der Held verfällt in sinnlosen Aktionismus, und der Zuschauer rätselt, wie das alles zusammenhängt, und warum plötzlich Dinge möglich sind, die zuvor kategorisch ausgeschlossen wurden. Das typische Beispiel für ein Drehbuch, das auf einer bestechenden Grundidee beruht, aus der sich leider keine ebenso beeindruckende Geschichte entwickelt.

Wer Spaß an Zeitreise-Filmen hat, sollte dennoch bei Project Almanac auf seine Kosten kommen, nur eben von der zweiten Hälfte nicht viel erwarten.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.