Eigentlich sollte es im heutigen Beitrag um einen Martial-Arts-Klassiker namens Der Rikschamann gehen, den ich bei Prime Video entdeckt habe. Ich habe versucht, ihn mit anzuschauen, aber man merkt dem Film zu stark seine Herkunft aus der Blödelecke der Siebzigerjahre an, und die deutsche Synchronisation jener Zeit, die versucht hat, dem noch eins draufzusetzen, gibt ihm den Rest. Wer auf Kung Fu und Brachialkomödien à la Bud Spencer und Terrence Hill steht, mag daran vielleicht seine Freude haben, mir war das Ganze einfach viel zu blöd. Beschäftigen wir uns also stattdessen mit einem anderen Kampfsport.
Wrestling, das bei uns früher Catchen heißt, habe ich nie richtig verstanden. Kann man es überhaupt als Sport bezeichnen? Die Kämpfe sind schließlich keine Wettbewerbe, sondern pure Show, in denen die Sieger bereits vor Beginn feststehen und alle Abläufe genau geplant sind. Andererseits müssen die Beteiligten viel Kraft und körperliches Geschick beweisen, was jahrelanges, hartes Training erfordert, und die Verletzungsgefahr ist beträchtlich. Anders als beim Boxen oder anderen Sportarten, legen sich die Kämpfer Bühnenpersönlichkeiten zu, inszenieren sich entweder als Held oder Bösewicht, tragen über Jahre hinweg Fehden gegeneinander aus und spinnen so eine epische Geschichte. Wrestling ist die Seifenoper des Sports.
Auch hierzulande ist Wrestling sehr beliebt, und Deutschland war bis zur Gründung eigener Ligen vor einem Vierteljahrhundert sogar der drittwichtigste Markt für die Amerikaner nach Japan. Dennoch sind Filme über Wrestling nicht gerade von Erfolg gekrönt, tauchen aber dennoch in schöner Regelmäßigkeit im Kino auf. Diesen findet man bei HBO Max.

The Iron Claw
Als Fritz Von Erich war Jack Adkisson (Holt McCallany) lange Jahre ein bekannter Wrestler, der auch seine vier Söhne in diesem Sport ausgebildet hat: Kevin (Zac Efron) ist besonders erpicht darauf, in die Fußstapfen des Vaters zu treten, während Kerry (Jeremy Allen White) als Leichtathlet bei den Olympischen Spielen antreten will und David nur wenig sportlichen Ehrgeiz an den Tag legt. Das Nesthäkchen Mike (Stanley Simons) hingegen hofft auf den Durchbruch als Musiker. Als Kerry wegen des Boykotts der Olympiade in Moskau 1980 seine Karriere beendet, schließen sich die drei älteren Brüder zu einem Team zusammen, das bald für Furore im Wrestling sorgt.
Die Familie Von Erich ist im Wrestling überaus bekannt, hat sie einige bedeutende Kämpfer hervorgebracht, eine eigene Liga in Texas geleitet und vor allem Schlagzeilen wegen ihrer vielen Tragödien gemacht. Kevin, aus dessen Perspektive die Geschichte über weite Strecken erzählt wird, warnt entsprechend seine spätere Frau Pam (Lily James) bei einem ihrer ersten Dates von einem Fluch, der angeblich auf ihnen lastet und an den er – irgendwie – glaubt. Die Von Erichs sind gewissermaßen die Kennedys des Wrestlings.
Ohne viel über die weitere Handlung zu verraten, sei gesagt, dass die Familie viele Todesfälle hinnehmen muss, etliche davon durch Selbstmord. Auch Depressionen, Drogensucht und Unfälle spielen eine große Rolle. Neben den vier Söhnen gab es noch weitere Kind: Eines, das immerhin noch erwähnt wird, starb sehr jung an einem unglücklichen Stromschlag, während der jüngste Sohn Chris komplett verschwiegen wird. Dabei ist er, wenn man sich ein wenig mit der Familie beschäftigt, der faszinierendste Charakter, der trotz geringer Körpergröße und schwerwiegender chronischer Erkrankungen unbedingt wie seine Brüder Wrestler werden wollte. Warum ausgerechnet diese Figur, die mehr Identifikationspotential als der Rest der Familie bietet, weggelassen wurde, ist ein Rätsel und hängt vermutlich mit fehlender Kooperation bzw. dem Fehlen von Rechten zusammen.
Regisseur Sean Durkin geht zwar auf die Dynamik zwischen den Brüdern ein, schildert ihren Zusammenhalt, auch gegen den strengen Vater und die übermäßig religiöse Mutter (Maura Tierney), inszeniert sie aber wie eine Herde, die schicksalsergeben jedes Ungemach akzeptieren, ohne dagegen aufzubegehren. Die vier jungen Männer schaffen es beispielsweise nie, sich von ihrem Vater zu lösen, der wie ein alttestamentarischer Patriarch über seine Söhne herrscht und sie zu einer Karriere in der Wrestling-Arena zwingt. Mit seinen allzu fügsamen und geduldigen Figuren, die tapfer das Training, die vielen Kämpfe und Verletzungen ertragen, weil sie mit diesem Schicksal nicht alleine sind, ist der Film über weite Strecken konfliktarm und nicht besonders spannend. Auch die Kämpfe, die eine nicht gerade kleine Rolle spielen, sind nicht so inszeniert, dass man atemlos im Sessel sitzen würde. Zumal man ohnehin weiß, dass sie nicht echt sind.
Wer kein Fan von Wrestling ist und sich nicht mit den Regeln und Gepflogenheiten auskennt, wird es überdies etwas schwer haben, sich in der Materie zurechtzufinden. Durkin hätte hier ruhig genauer und informativer arbeiten und die Hintergründe erklären können. Ein Manko ist auch, dass man fast keinerlei zeitliche Orientierung hat. Die Handlung beginnt, nach einem Vorspiel in kontrastreichem Schwarz-Weiß, das Jacks Karriere in den späten Fünfzigern beleuchtet, im Jahr 1979 und erstreckt sich über rund fünfzehn Jahre, ohne dass man erkennen kann, wieviel Zeit zwischen den einzelnen Ereignissen liegt. Erschwert wird das noch dadurch, dass niemand jemals seine Frisur oder seinen Kleidungsstil ändert. Efron sieht tatsächlich die ganze Zeit über aus wie ein vierzigjähriger Vulkanier, der sich für eine Siebzigerjahre-Party verkleidet hat.
The Iron Claw ist kein schlechter Film – vorausgesetzt man hat etwas für Wrestling über und interessiert sich für eine der wohl bekanntesten Familie dieses Sports. Wer weder das eine kennt noch je von der anderen gehört hat, braucht ein wenig Geduld, wird aber mit einem gut aufgelegten Ensemble und einem überrascht berührenden Ende belohnt.
Note: 3-