City of Darkness

Kenji Tanigaki, der Regisseur von The Furious, hat als Stuntman und Action Designer begonnen und als solcher 2024 einen Martial-Arts-Film betreut, der seither auf meiner Watchlist stand. Ich kann mich noch daran erinnern, dass er uns auf einer Tradeshow vorgestellt wurde, aber nicht, ob er tatsächlich auch im Kino lief. Zumindest nicht in einem der Lichtspielhäuser, die ich aufsuche. Vor kurzem ist er jedoch auf Prime Video erschienen, und in Kombination mit The Furious hat sich eine Sichtung geradezu aufgedrängt.

City of Darkness

In den Fünfzigerjahren beherrscht ein mächtiger Gangsterboss die Kowloon Walled City in Hongkong, bis er von einer Gruppe rivalisierender Gangs unter der Führung von Tornado (Louis Koo) zur Strecke gebracht wird, der daraufhin die Herrschaft über die Stadt in der Stadt antritt. Dreißig Jahre später sucht der chinesische Flüchtling Chan (Raymond Lam), der sich mit dem Triadenboss angelegt und ihm eine Tasche voller Drogen gestohlen hat, Zuflucht in der Walled City. Tornado nimmt sich nach einer ersten Konfrontation seiner an und klärt den Disput mit den Triaden. Chan schließt sich Tornado an und findet endlich ein Zuhause und neue Freunde. Doch dann stellt sich heraus, dass er der Sohn eines legendären Auftragsmörders ist, der seinerzeit gegen Tornado gekämpft und die Familie von dessen Partner getötet hat. Dieser sinnt nun auf Rache.

Die Geschichte ist komplex, erstreckt sich über drei Jahrzehnte und erzählt nebenbei ein wenig von der faszinierenden Welt der Walled City. Diese Enklave aus Hochhäusern wurde auf dem Fundament einer alten Festung errichtet und gehörte in den Achtzigerjahren zu den am dichtesten besiedelten Orten auf der Erde, mit rund 33.000 Menschen, die auf nur 26.000 Quadratmetern lebten. City of Darkness erzählt sehr schön vom Leben in dieser düsteren, dystopisch anmutenden, aber gleichzeitig auch beschaulich-anheimelnden Stadt, in der das Sonnenlicht nicht bis zum Boden dringt und die Menschen in armseligen Wohnungen ihr Dasein fristen. Man lebt in Frieden und gegenseitiger Unterstützung, und am Beispiel von Chan sieht man, wie sogar Fremde mit offenen Armen empfangen werden.

Anfang der Neunzigerjahre wurde der Komplex abgerissen, und City of Darkness erzählt daher auch von seinem Ende – und dem Niedergang der lokalen Gangs. Der Film konzentriert sich vor allem auf den todkranken Tornado, der einen Friseursalon betreibt, aber gleichzeitig der Pate der Stadt ist, und der in einen Gewissenskonflikt gerät, als Chans Identität offenbart wird. Denn er hat damals Chans Vater getötet, der gleichzeitig einer seiner besten Freunde war und ihn gebeten hat, sich um Chan zu kümmern. Nun verlangt aber der einflussreiche Immobilienbesitzer, mit dem Tornado seit Jahrzehnten zusammenarbeitet, Chans Tod und schließt dafür ein Bündnis mit den Triaden, die die Walled City angreifen.

Diese sehr komplexe, aber durchweg spannende Geschichte basiert auf einem Roman, aus dem zunächst ein Comic wurde, bevor Regisseur Soi Cheang daraus einen fulminanten Martial-Arts-Film gemacht hat. Leider gelingt es den vier Drehbuchautoren nicht ganz, die sehr breit aufgestellte Vorlage adäquat umzusetzen. Die Vorgeschichte ist kompliziert, und die vielen chinesischen Namen machen es einem nicht leichter, die zahlreichen Figuren im Gedächtnis zu behalten. Nach dem Prolog konzentriert sich die Handlung auf Chan, der jedoch ungefähr in der Mitte komplett in den Hintergrund gedrängt wird, weil es nun um die Auseinandersetzung zwischen den Gangs geht, und nach dem Untergang der Banden dreht sich der dritte Akt schließlich um einen neuen Usurpator, der das entstandene Machtvakuum ausgenutzt hat, um die Herrschaft über die Walled City an sich zu reißen, und der von Chan und seinen drei Freunden besiegt werden muss. Nebenbei geht es aber auch noch um Drogengeschäfte, Korruption und gefährliche Immobiliendeals. Das alles ist sehr viel, fast zu viel und mitunter verwirrend.

Auch die Kampfstile verändern sich mit der Zeit, sie sind zu Beginn sehr realistisch und brutal inszeniert, aber immer mit einem verspielt-eleganten Touch, beinhalten gegen Ende jedoch ein paar fantastische Elemente, die nicht so ganz zum Rest passen. Das ist zwar immer toll anzusehen, erzeugt aber nicht den Eindruck von Homogenität.

Alles in allem ist City of Darkness ein sehenswerter Martial-Arts-Film mit einigen nostalgischen Zügen, wunderschön fotografiert, aber inhaltlich ein wenig überfrachtet und oft unfokusiert.

Note: 3

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.