The Furious

I put on Survivor just to watch somebody suffer, heißt es in Billie Eilishs Song TV, und das ist eine Geisteshaltung, die ich zurzeit gut nachvollziehen kann. Andere leiden zu sehen, hilft einem zwar nicht unbedingt, sich selbst besser zu fühlen, aber man ist in seinem Schmerz wenigstens nicht allein. Anstatt mir eine blöde Realityshow anzusehen, gehe ich jedoch lieber ins Kino und beobachte, wie sich ein paar Leute gegenseitig verkloppen, was immerhin den Vorteil hat, zu wissen, dass alles nur fiktiv ist.

Ich bin nicht der größte Fan von Martial-Arts-Filmen, weiß aber durchaus die Kunstfertigkeit des Genres zu schätzen, und damit meine ich in erster Linie nicht die Inszenierung an sich, sondern die Kampfchoreografie. Im Westen wurde das Genre mit den Kung-Fu-Filmen der Siebzigerjahre groß, fristete dann jahrzehntelang ein Schattendasein auf dem Videomarkt, bevor es vor einem Vierteljahrhundert eine Renaissance im Kino erlebte. Seither erscheinen immer wieder herausragende Filme, die das Genre neu beleben. Einen davon haben wir uns letztes Wochenende angesehen.

The Furious

Wang Wei (Miao Xie) arbeitet als selbstständiger Handwerker irgendwo in Südostasien, während seine kleine Tochter Rainy (Enyou Yang) nach dem Tod ihrer Mutter bei den Großeltern in China aufwächst und ihren Vater nur in den Ferien besucht. Eines Tages wird Rainy von skrupellosen Gangstern, die einem Kinderhändlerring angehören, entführt, und Wang Wei macht sich auf die Suche nach ihr, wobei er unerwartet Unterstützung von Navin (Joe Taslim) erhält, der die Recherchen seiner spurlos verschwundenen Frau Matia (JeeJa Yanin) fortsetzt, die als Journalistin ebenfalls hinter den Gangstern her war.

Ein beliebtes Klischee in diesen Filmen ist die Tatsache, dass in Asien wohl jeder Menschen eine Kampfsportart beherrscht. Wenn Matia gleich in den ersten Szenen des Films den Kidnappern eines kleinen Jungen auf die Spur kommt und dabei erwischt wird, kann sie sich auf sehr effektive Weise zur Wehr setzen, und sogar Rainy hat von ihrem Vater einige Tricks gelernt. Tatsächlich waren die Frauen in diesem Genre schon lange deutlich kampferprobter und mutiger als in westlichen Filmen, und auch wenn The Furious in erster Linie ein von Männern dominiertes Buddy-Abenteuer ist, kann das weibliche Geschlecht in vielen Szenen glänzen.

Die Story selbst ist simpel und schon vielfach dagewesen, hat sich aber auch gründlich bewährt. Wang Weis Sorgen und Nöte kann man als Zuschauer sehr gut nachempfinden, ebenso wie seine Hilflosigkeit, wenn er bei der Polizei um Hilfe bittet, aber vom korrupten Chef der lokalen Dienststelle, der mit den Kinderhändlern zusammenarbeitet, einfach weggeschickt wird. Woran auch Wang Weis Behinderung nicht ganz unschuldig sein dürfte, denn der Mann ist stumm.

Tatsächlich wird ein gewisses Geheimnis um seine Herkunft gemacht, die vermutlich in einem bereits geplanten Prequel eine große Rolle spielen wird. Rainy erwähnt zudem auch eine ominöse Verletzung, die ihn angeblich beeinträchtigt, aber auch das wird nie geklärt und spielt keine Rolle. Man hat sowieso nicht das Gefühl, dass irgendetwas Wang Wei aufhalten könnte, so wird er bei der Verfolgung der Entführer beispielsweise von einem aus dem Nichts auftauchenden Auto angefahren, und während er in jedem anderen Film als blutiger Fleck auf der Windschutzscheibe enden würde, rappelt er sich hier auf, schüttelt nur den Staub ab und macht weiter.

Man sollte in diesem Genre grundsätzlich nicht allzu viel Wert auf Realismus legen und sich lieber an den kunstvollen Kampfszenen erfreuen, von denen es unheimlich viele gibt. Anstatt auf elegante Kung-Fu-Techniken setzen die Kombattanten eher auf einen körpernahen Schlagabtausch und größtmögliche Brutalität. Die bevorzugte Waffe ist der Hammer, aber auch diverse Maschinenteile und sogar – Fahrräder. Dem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt, und die Choreografie ist erstklassig. Wer auf asiatische Kampfkunst steht, kommt hier voll auf seine Kosten.

Über weite Strecken ist der Film ungeheuer spannend und unterhaltsam, lässt inhaltlich aber leider im letzten Drittel arg zu wünschen übrig, was an einem zu klischeehaften Schurken liegt, der plötzlich dem Wahnsinn anheimzufallen scheint. Dafür gehört der finale Kampf zwischen den Guten und den Bösen mit zum Besten, was es seit Jahren zu sehen gab, und wird von Regisseur Kenji Tanigaki perfekt in Szene gesetzt. Diesen Namen sollte man sich merken.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.