EPiC– Elvis Presley in Concert

Nach all den Aliens unternehmen wir heute eine Reise in die Vergangenheit und treffen auf einem Mann, der zumindest auf der Bühne ein bisschen wie ein Außerirdischer aussah. Die Rede ist, nein, nicht von Elton John oder Liberace, sondern Elvis Presley, über den es vor ein paar Jahren ein fulminantes Bio-Pic von Baz Luhrmann gab.

Fast alle Filme und Serien werden mit dokumentarischem Material und Interviews der Beteiligten über den Produktionsprozess begleitet, seit einiger Zeit auch mit launigen Podcasts, aber diese bekommt man höchstens als DVD-Bonusmaterial oder auf YouTube zu sehen, selten im Kino. Als Baz Luhrmann sich auf den Dreh von Elvis vorbereitete, stieß er in einem Archiv auf jede Menge unverwendetes Filmmaterial aus zwei Dokumentationen aus den frühen Siebzigern, die ein Elvis-Festival in Las Vegas bzw. eine Tournee durch fünfzehn Städte behandelt haben. Das Material wurde restauriert und um weitere Aufnahmen und ein Interview, in dem Elvis ausführlich über sein Leben gesprochen hat, ergänzt. Das Resultat ist zum Teil Konzertfilm, zum Teil Doku über die letzten Jahre des King of Rock and Roll.

EPiC– Elvis Presley in Concert

Der Film beginnt mit einer Zusammenfassung von Elvis‘ Karriere auf der Bühne und der Kinoleinwand, kommentiert von ihm persönlich. Er erzählt von seiner Schüchternheit, dass er lange Jahre nur in der Kirche gesungen hat und später an Talentwettbewerben teilnahm, in denen er nicht einmal unter den Erstplatzierten landete. Natürlich geht es auch um seinen lasziven Tanzstil und die Aufregung, die damit verbunden war, um seinen Status als Sexsymbol und Idol der Jugend, aber eben auch um seine Filmkarriere, auf die er nicht besonders stolz zurückblickt. Nach seinem Militärdienst drehte er vor allem Filme und beklagt selbstironisch, dass er im Grunde immer die gleiche Rolle spielen musste. Seine musikalische Karriere geriet darüber ins Stocken, seine Singles erreichen nicht mehr die Top Ten.

Ende der Sechzigerjahre konzentriert er sich wieder auf die Musik und kehrt zu seinen Wurzeln zurück, erweitert aber auch seinen Sound um andere Elemente. Sein Comeback wird ein riesiger Erfolg, und in der Folge nimmt er ein Engagement in Las Vegas an. In den folgenden acht Jahren absolviert er rund elfhundert Konzerte, manchmal sogar drei an einem Tag.

Im Vorprogramm zu EPiC war der Trailer zu James Camerons Konzertfilm über Billie Eilish zu sehen, in dem die Sängerin beschreibt, dass ihre Hände stets zerkratzt sind, weil ihre begeisterten Fans nach ihr greifen. In Luhrmanns Doku erzählt Elvis das gleiche. Man sieht auch immer wieder, wie Frauen die Bühne stürmen oder den Sänger nach seinem Auftritt rabiat packen und hemmungslos abknutschen. Er selbst kommentiert lakonisch, dass er sich im Laufe der Jahre an dieses übergriffige Benehmen gewöhnt habe. Dem heutigen, sensibilisierten Zuschauer fällt es unangenehm auf.

Was nimmt man noch mit aus diesem Zwitter aus klassischer Dokumentation und Konzertfilm? Zunächst einmal ist die Qualität der Bilder phänomenal, das Material wirkt, als käme es frisch aus dem Kopierwerk, die Farben sind satt, das Bild ist nicht so körnig und verschwommen wie man es aus unrestauriertem Filmmaterial dieser Zeit kennt, sondern gestochen scharf. Und die Menschen wirken dadurch um einiges lebendiger. Allein als Zeitdokument ist es faszinierend, und als Zuschauer schaut man begeistert auch auf die Hintergründe, die Szenerie von Las Vegas, die Mode und Frisuren jener Zeit, die plötzlich wieder lebendig zu werden scheint. Der Film ist wie eine Zeitreise in die Vergangenheit, und das ist wirklich beeindruckend.

Ebenso umwerfend ist die Musik. Selbst wenn man kein Elvis-Fan ist, kann man seine Stimme ebenso schätzen wie das Arrangement, den einzigartigen Mix aus Country, Rock, Gospel und anderen Musikstilen. Wie alle großen Musiker hat Elvis seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil kreiert, durch den selbst seine unzähligen Coverversionen immer frisch und originell wirken.

Was darüber hinaus noch überrascht ist Elvis selbst. Man glaubt, alles über ihn zu wissen, und kennt seine Biografie, doch hier spricht der King selbst und gewährt dem Zuschauer einen Einblick in seine Gedankenwelt. Interessant sind dabei nicht die Interviewpassagen, die so konventionell und harmlos-oberflächlich sind, wie man es erwarten kann, sondern die Proben, bei denen die Kamera mitlief. Hier lernt man Elvis von einer anderen Seite kennen, ungeheuer witzig und schlagfertig, sogar neckisch bisweilen. Man sieht den Menschen, nicht den Entertainer und den Star, und das ist durchaus eine Entdeckung.

Ein relativ kurzes Segment geht auf die Frage ein, warum Elvis sich nicht stärker politisch engagiert hat, und er antwortet darauf in einem Interview, dass er seine Meinung lieber für sich behält. Luhrmann montiert im Anschluss dann einige Songs und Szenen, in denen Elvis sich mit afro-amerikanischen Künstlern, mit denen er befreundet war, trifft, um zu zeigen, dass er durchaus politisch war, nur auf eine subtilere Weise. Man würde sich wünschen, dass einige heutige Künstler dieselbe Zurückhaltung an den Tag legen würden.

Was im Film leider zu kurz kommt, sind die Beziehungen zu seinem Manager, Colonel Tom Parker, und seiner Frau Priscilla, die beide zwar auftauchen, aber zu denen man nichts erfährt. Das ist einerseits bedauerlich, weil das Bild von Elvis auf diese Weise unvollständig wirkt, andererseits hat Luhrmann den Schwerpunkt seines Films vor allem auf die Las Vegas-Konzerte gelegt und da bleibt kein Raum für komplexe Beziehungsgeflechte. Obwohl der Film ein paar kleinere Längen besitzt, gelingt ihm das Kunststück, den Entertainer Elvis so auf der Bühne zu erleben, als wäre man selbst dabei, und die Aufnahmen von den Proben sind das Sahnehäubchen obendrauf. Großes Kino.

Note: 2-

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.