Der Wilde

Der Wilde gehört zu den Frühwerken Marlon Brandos und hat ihn zu einem Idol der damaligen Jugend gemacht. Sein Outfit mit Jeans und schwarzer Lederjacke war ebenso stilbildend wie das von James Dean in …denn sie wissen nicht, was sie tun. Im Gegensatz zu Letzterem kannte ich den Film bislang nicht, daher war ich neugierig, als er im Katalog von Wow auftauchte.

Der Wilde

Eine Motorradgang unter dem Anführer Johnny (Marlon Brando) stört auf einer Reise über Land zuerst ein Motorradrennen und landet dann in der benachbarten Kleinstadt Wrightsville. Mit ihrer vorlauten, selbstsicheren und unverschämten Art ecken sie rasch bei den Einwohnern an und verursachen schließlich bei einem Unfall einen kleinen Blechschaden. Da dabei ein Biker verletzt wird, beschließt Johnny, so lange zu warten, bis seine Verletzung behandelt ist. Die jungen Männer betrinken sich in einer Restaurant-Bar, und Johnny lernt Kathie (Mary Murphy) kennen, die dort als Kellnerin arbeitet. Nach ein paar Stunden eskalieren schließlich die Ereignisse, als eine Gruppe Bürger beschließt, die unliebsamen Gäste mit Gewalt loszuwerden.

Die Geschichte basiert auf einer Kurzgeschichte von Frank Rooney, die wiederum auf einem Zeitungsartikel über die Ausschreitungen von Hollister im Jahr 1947 beruht. Dort hatte ein behördlich genehmigtes, mehrtägiges Treffen von Motorradclubs stattgefunden, mit Rennen, Tanzveranstaltungen und anderen harmlosen Vergnügen. Am zweiten Tag kam es jedoch zu einer Reihe von Verhaftungen, als dreißig Beamte der Highway Patrol in die Stadt geschickt wurden, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Es hatte zwar einige Sachbeschädigungen gegeben, aber keine schweren Delikte, und die meisten Verurteilungen waren entsprechend wegen Trunkenheit. In den Medien wurden die Ereignisse jedoch dramatischer dargestellt, was angeblich die Motorsport-Vereinigung zu der Aussage veranlasste, dass 99 Prozent ihrer Mitglieder rechtschaffene Bürger seien. Angeblich deshalb, weil diese Aussage nicht belegt ist, aber als Gegenreaktion dazu geführt hat, dass bis heute viele kriminelle Rockerbanden das Onepercenter-Zeichen an ihrer Kutte tragen, um klarzumachen, auf welcher Seite sie stehen. Inzwischen sind die Ereignisse jener Tage im Juli so sehr von Mythen überlagert, dass niemand mehr gesichert sagen kann, was wirklich passiert ist.

John Paxton und Ben Maddow erzählen in Der Wilde im Grunde zwei Geschichten. Die eine schildert das Aufeinandertreffen der Biker und der Bürger, die andere handelt vom Anführer der Gang, Johnny. Die erste Geschichte ist schnell erzählt. Die jungen Männer suchen auf ihrem Motorradausflug ein wenig Abwechslung von ihrem harten Arbeitsalltag, sie wollen sich betrinken, junge Frauen aufreißen und Spaß haben. Weil sie in einer Gruppe auftreten, sind sie übermütiger und frecher als solo, sie provozieren die in ihren Augen spießigen Kleinstadtbewohner und testen ihre Grenzen aus. Der Sheriff (Robert Keith) ist ein schwacher, feiger Mann, der mit der Situation völlig überfordert ist. Er bietet ihnen an, sie unbehelligt ziehen zu lassen, wenn sie nur so schnell wie möglich seine Stadt verlassen, aber Johnny hasst Autoritäten und lässt sich von dem Mann nichts sagen. Als die betrunkenen jungen Männer zu randalieren beginnen, greifen einige Bürger schließlich zu ihren Waffen, und der Konflikt spitzt sich schnell zu. Am Ende kommt es zu Hetzjagden und Gewalt, und ein Unschuldiger stirbt.

Im Grunde ist es eine klassische Geschichte über Außenseiter, die zwar kriminelle Tendenzen haben und auf die Regeln der Gesellschaft pfeifen, aber keine harten Verbrecher sind. Regisseur László Benedek fängt sehr gut die Dynamik der Biker ein, schildert mit leichter Hand ihren jugendlichen Übermut, die Frotzeleien untereinander und ihr großmäuliges Auftreten gegenüber den Vertretern der Bürgerlichkeit. Auch wie die Ereignisse sich langsam zuspitzen, ist gut und vor allem ausgewogen erzählt. Hier gibt es, trotz der etwas reißerischen Einleitung, kein Gut und Böse, kein einfaches Schwarzweißdenken, und auch die Auflösung ist, von ein paar Schwächen abgesehen, überraschend versöhnlich.

Die zweite Geschichte ist eine persönliche und handelt von Johnny, dem Anführer der Gruppe, der cool und unnahbar auftritt und mit eiserner Hand regiert. Als Johnny nun auf die Kellnerin Kathie trifft, ausgerechnet die Tochter des Sheriffs, ist er sofort von der jungen Frau fasziniert. Auch sie fühlt sich zu ihm hingezogen, erkennt sie in ihm einen verwandten Geist. Kathie will aus der Enge der Kleinstadt ausbrechen und spürt eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas Größerem im Leben, ohne benennen zu können, wonach sie eigentlich verlangt. Beide sind unzufrieden mit dem, was sie haben, suchen nach Freiheit und Glück, das irgendwo dort draußen zu finden sein mag. Während Johnny ruhelos danach zu suchen scheint, hat Kathie zu viel Angst, ihr Zuhause zu verlassen. Trotz dieser Gemeinsamkeiten steht es von Anfang an schlecht um das junge Paar. Johnny ist emotional unzugänglich, was Kathie sofort erkennt. Einen einsamen Wolf kann man nicht zähmen. Brandos Genie zeigt sich vor allem in den leisen Zwischentönen, den zärtlichen, fast schon ängstlichen Blicken, mit denen er Kathie betrachtet und in denen sich das ganze Dilemma seiner Figur widerspiegelt. Er ist ein Mann am Scheideweg.

Aus heutiger Sicht ist das alles sehr solide, aber weder neu noch besonders aufregend. Das liegt natürlich daran, dass viele spätere Filme sich Der Wilde zum Vorbild genommen und seine Charaktere und Plotmuster aufgegriffen haben, zuletzt The Bikeriders im vergangenen Jahr. Film- und sozialhistorisch ist der Film jedoch von einiger Bedeutung und daher sehenswert. Was wir heute als Jugend- und Popkultur kennen, war damals gerade erst im Entstehen und wurde von der Stillen Generation, die in den Fünfzigern Teenager und junge Erwachsene waren, maßgeblich geprägt. Ihr Ausbruch aus tradierten Lebensweisen, ihre Sehnsucht nach Individualität und Nonkonformismus nehmen viele spätere Bewegungen vorweg und bereiten ihren Weg. Entsprechend hatte der Film einen großen Einfluss auf die damaligen Jugendlichen. In Deutschland lief er mit geschätzt anderthalb Millionen Besuchern in der Erstaufführung zwar deutlich schwächer als andere Brando-Filme dieser Zeit, inspirierte aber immerhin Die Halbstarken. Mehrfach kam es nach Vorführungen dieses oder anderer, thematisch verwandter Filme sogar zu Ausschreitungen in den Kinos.

Alles in allem ein Film, der sich nicht nur aus filmhistorischer Sicht lohnt, weil er zudem eine packende Geschichte erzählt und mit nur 80 Minuten erfreulich kurz ist, der aber den heutigen Zuschauer bisweilen auch auf die Geduldsprobe stellt. Und der Biker-Slang, der damals frech und provozierend war, klingt heute eher putzig und altbacken.

Note: 3

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.