Ohne es beabsichtigt zu haben, ist es mir gelungen, bislang neun der zehn Filme zu sehen, die bei den Oscars für den besten Film nominiert waren. Einer, der erst relativ spät, also nach der Preisverleihung, bei uns gestartet ist, war der jüngste Film von Walter Salles.

Für immer hier
Der Bauingenieur und ehemalige Abgeordnete Rubens Paiva (Selton Mello) lebt mit seiner Familie in Rio de Janeiro und ist im Widerstand gegen die Militärregierung aktiv, indem er geheime Nachrichten überbringt. Als er eines Tages zu einem Verhör abgeholt wird, gerät auch seine Frau Eunice (Fernanda Torres) in Gefahr. Sie wird verhaftet, viele Tage festgehalten und immer wieder verhört. Am Ende darf sie zu den fünf Kindern zurückkehren, ihr Mann bleibt aber verschwunden, und der Kampf, Klarheit über sein Schicksal zu erlangen, wird mehrere Jahrzehnte dauern.
Im 20. Jahrhundert hat es so viele Militärdiktaturen, vor allem in Latein- und Südamerika, gegeben, dass es bereits eine Reihe von Filmen zu diesem Thema gibt. In gewisser Weise gleichen sie sich alle, erzählen von Polizeiwillkür, Folter, Morden und vor allem vom Schicksal der Verschwundenen. In diesem Sinne ist auch Für immer hier nichts Neues.
Was den Film besonders macht, ist die Art, wie er erzählt wird. Salles lässt sich anfangs viel Zeit – ein bisschen zu viel sogar –, um die Familie Paiva vorzustellen, die ein ruhiges Leben in einem großen Haus am Strand führt. Man isst gerne (vor allem Soufflé), feiert mit Freunden und plant den Bau eines neuen Hauses im Grünen. Als Bauingenieur gehört Rubens zur gehobenen Mittelschicht und kann sich vieles leisten. Eunice ist nur Hausfrau und Mutter und interessiert sich auch nicht für Politik. Dass ihr Mann heimliche Anrufe entgegennimmt und Nachrichten weiterleitet, beachtet sie daher nicht weiter.
Von der Diktatur bekommt die Familie, und damit der Zuschauer, lange nicht viel mit. Man sieht Hubschrauber kreisen, hört im Fernsehen von der Entführung ausländischer Botschafter, durch die politische Gefangene freigepresst werden, und die älteste Tochter Vera (Valentina Herszage) gerät mit ihren studentischen Freunden in eine unangenehme Polizeikontrolle, in der nach „Terroristen“ gefahndet wird. Erst mit der Verhaftung von Rubens dringt das Grauen in die Familie ein.
Salles lässt aber die Gewalt komplett außen vor. Keine uniformierten Männer stürmen das Haus, sondern bestimmte, aber nicht brutal agierende Beamte in Zivil, und Rubens darf sogar im eigenen Wagen zur „Befragung“ fahren. Was mit ihm dort geschieht, erfährt man ebenso wenig wie seine Familie. Und genau dies ist die Qualität des Films: Die Angst und die Ungewissheit, die Rubens‘ Angehörige verspüren, überträgt sich auch auf den Zuschauer. Man spürt ihr Unbehagen, teilt das Gefühl der Bedrohung, sucht mit ihnen nach potentiellen Verfolgern.
Mit Eunices Verhaftung bekommt die Story eine eindringlichere und dramatischere Note. Sie wird zwar nie gefoltert, aber dafür rund zwei Wochen festgehalten und immer wieder verhört, bevor sie zurück zu ihren Kindern darf. Mit diesen Szenen und vor allem mit der Art und Weise, wie Eunice nach ihrer Rückkehr mit der Situation umkehrt, wird Fernanda Torres endgültig zum Herz und zur Seele des Films. Sie spielt ungeheuer beherrscht, nie verzweifelt, sondern immer mit einer Spur Optimismus und vor allem mit einer Unerschütterlichkeit, die sie zum Fels in der Brandung werden lässt. Tapfer, geradezu trotzig lächelt sie in die Kamera, wenn die Presse über den Fall berichtet. Die Medien wollen Tränen und Verzweiflung, aber diese gönnt sie dem Regime nicht.
Relativ bald wird ihr klar, was mit Rubens passiert ist, und sie muss sich in der Folge neu erfinden. Der Film folgt ihrem Weg noch über einige Jahrzehnte, in denen sie als bekannte Menschenrechtsanwältin Karriere macht, ohne dabei das Schicksal von Rubens oder den anderen Vermissten aus den Augen zu verlieren.
Für immer hier ist ein sehr solider Film, der souverän mit einem schwierigen Thema umgeht und es schafft, neue Bilder zu finden. Nicht immer ist es das, was man im Vorfeld erwartet hat, es schleicht sich auch die eine oder andere Länge ein, aber langweilig ist der Film nie, und Torres zuzuschauen, ist ein stetes Vergnügen. Das Lokalkolorit der Siebzigerjahre ist gut getroffen, und es gibt ein, zwei sehr starke Szenen, die nachhaltig in Erinnerung bleiben und einen berühren. Etwas mehr Tempo und Dramatik hätten aber auch nicht geschadet.
Note: 3+