Argentinien, 1985 – Nie Wieder

Es war eine Freundin, die mich auf diesen Film aufmerksam gemacht hat, weil sie ihn mit mir zusammen auf Prime Video anschauen wollte. Ich erinnerte mich, als ich die Inhaltsangabe überflog, vage daran, über ihn gelesen zu haben, hatte ihn aber nicht mehr auf dem Schirm. Der IMDb-Wert ist solide, das Thema, eine juristische Auseinandersetzung mit der argentinischen Militär-Junta klingt spannend, und Gerichtsdramen mag ich auch, also war ich mit dabei.

Argentinien, 1985 – Nie Wieder

Im Herbst 1984 bekommt der Staatsanwalt Julio Strassera (Ricardo Darin) den Auftrag, eine Anklage gegen die Generäle der gerade erst überwundenen Militärdiktatur vorzubereiten, die sich einer Verurteilung durch eine Verhandlung vor dem Militärgericht entziehen wollen und sich mit der Behauptung verteidigen, dass ihre Taten normale militärische Aktionen waren, um den terroristischen Aufstand eines Staatsfeindes niederzuschlagen. Von Seiten des Innenministeriums kann Strassera keine Hilfe erwarten, auch andere angesehene Juristen wollen nichts damit zu tun haben. Schließlich findet er in dem jungen, aus einer Militärfamilie stammenden Luis Moreno Ocampo (Peter Lanzani) einen idealistischen Mitstreiter, der ihm hilft, ein junges, begeisterungsfähiges Team zusammenzustellen. Bis zum Prozessbeginn haben sie lediglich vier Monate Zeit.

Der Film von Santiago Mitre, der auch mit Mariano Llinás und Martín Mauregui das Drehbuch verfasst hat, stolpert etwas ungeschickt und unnötig kompliziert in seinen Anfang. Mehrere Schrifttafeln erklären die Vorgeschichte und fassen dann zusammen, was man kurz darauf sowieso erzählt bekommt. Das verwirrt mehr, als es hilft, hinzukommen eine Menge spanischer Namen, die man sich als unbedarfter Zuschauer nicht auf Anhieb merken kann. Selbst Strassera braucht ungefähr ein halbes Dutzend Anläufe, bis er den Namen seines Mitstreiters behalten kann.

Letzteres könnte aber auch auf den etwas seltsamen Humor des Staatsanwalts zurückzuführen sein, der in der Geschichte nicht zu kurz kommt und bisweilen für Abwechslung sorgt. Anscheinend war Strassera in der argentinischen Justiz berühmt für seine schrägen Witze. Wenn er aber in einer Prozesspause obszöne Bemerkungen in Richtung der Angeklagten macht, weil sich diese seiner Meinung nach respektlos verhalten, wirkt das etwas zu infantil. Es ist insgesamt nicht leicht, mit dem Mann warm zu werden.

Die Geschichte folgt etwas zu brav und einfallslos der Chronologie der Ereignisse, fasst die monatelangen Recherchen recht knapp zusammen, um sich dann dem ebenso langen Prozess zu widmen. Ein klassisches Gerichtsdrama wie aus Hollywood sollte man aber eher nicht erwarten, dazu gibt es zu viele Unterschiede in der Prozessführung. Statt spannender Kreuzverhöre stehen eher die Aussagen der Opfer im Mittelpunkt, und diese sind auch das Pfund, mit dem der Film wuchern kann.

Man schätzt, dass bis zu 30.000 Menschen während der Militärdiktatur verschwunden sind, und Mitre bemüht sich, auf einige dieser Schicksale ein Schlaglicht zu werfen. Die Aussagen wurden unverändert aus den Gerichtsprotokollen übernommen und sind ebenso drastisch wie erschütternd. Hier schlägt das emotionale Herz der Geschichte.

Doch es gibt zu viele Opfer, zu viele Gesichter, und man kommt den Figuren nicht nahe genug, um tatsächlich Anteil an ihrem Schicksal zu nehmen. Costa-Gavras ist in dem thematisch verwandten Vermisst über die Militärdiktatur in Chile einen anderen, viel persönlicheren Weg gegangen – und hat auch den besseren Film gemacht. Dagegen wirkt Mitres Geschichte trotz der aufwühlenden Zeugenaussagen immer ein wenig zu distanziert, zu semi-dokumentarisch.

Teilweise liegt das auch an den Hauptfiguren, denen man nicht nahe genug kommt. Zwar werden sie ständig bedroht, es ergeben sich aber keine Spannungsmomente. Es gibt Andeutungen über politische Beeinflussung, aber alles bleibt relativ vage. Zum Schlüsselmoment wird daher ein Telefonat, das Ocampo mit seiner konservativen Mutter führt, die bislang treu zum ehemaligen Regime gehalten hat, nun aber ihre Meinung ändert. Dies ist aber auch der einzige Gradmesser für die Stimmung außerhalb des Gerichtssaals, den die Kamera kaum einmal verlässt. Ein anderer Moment, in dem Ocampo Strasseras Zeit als Richter während der Diktatur anspricht und ihm Passivität vorwirft, verpufft dafür leider weitgehend ohne Wirkung. Dabei wäre hier ein guter Ansatz gewesen, sich eingehender mit den Figuren zu beschäftigen.

Der Höhepunkt ist Strasseras berühmt gewordenes Schlussplädoyer, das mit „Nie wieder“, dem deutschen Untertitel des Films, endet und das danach zum geflügelten Wort in Argentinien geworden ist. Als Deutscher denkt man dabei unwillkürlich an die Ausschwitz-Prozesse und der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen, über die es z.B. mit Im Labyrinth des Schweigens oder Der Staat gegen Fritz Bauer ebenfalls gute Filme gibt.

Mitre macht mit Argentinien, 1985 – Nie Wieder vieles richtig, es gibt starke Momente, interessante Figuren und einige kluge Gedanken über die Wehrhaftigkeit der Demokratie, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Doch die Umsetzung ist leider umständlich, schwerfällig und gegen Ende hin sogar langatmig. Dem Film mangelt es an Leidenschaft.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.