Vergangenes Jahr haben wir während des Münchner Filmfests ein paar Tradeshows besucht, auf denen die Verleiher auch einige Filme gezeigt haben. Wir hatten die Wahl zwischen zwei Filmen, die sich ganz oder teilweise mit dem Holocaust auseinandersetzen, einem spanischen Film über die Franco-Diktatur sowie einer Komödie. Teilweise schwere Kost für einen lauen Sommertag.
In Spanien ist man immer noch damit beschäftigt, die Franco-Jahre aufzuarbeiten, und dazu gehört auch das Aufspüren und Ausheben von Massengräbern, um den Ermordeten ihre Identität und damit ihre Würde und ihre Geschichte zurückzugeben sowie den Hinterbliebenen Gewissheit zu verschaffen und die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Vor ein paar Jahren habe ich schon Parallele Mütter von Pedro Almodovar zu diesem Thema gesehen, und nun gibt es einen weiteren Film.
Der Lehrer, der uns das Meer versprach
Ariadna (Laia Costa) weiß nicht viel über die Kindheit ihres Großvaters Carlos (Felipe Garcia Vélez), der nach einem Schlaganfall in einer Pflegeeinrichtung am Meer lebt, denn er war zeit seines Lebens ein verschlossener Mann. Als sie erfährt, dass ein Massengrab in der Nähe seines Heimatortes exhumiert wird, fährt sie dorthin, um mehr über seinen Vater zu erfahren, der als Gegner des Franco-Regimes ins Gefängnis kam und den Jungen zu seinem Lehrer in Obhut gegeben hat. Je mehr Ariadna recherchiert, umso mehr ist sie von dem Dorflehrer Antonio (Enric Auquer) fasziniert.
Die Story ist etwas umständlich erzählt, denn als Zuschauer erwartet man ein Familiendrama, in dem Ariadna nach und nach die Geschichte ihre Urgroßvaters entschlüsselt, doch um diesen geht es gar nicht, sondern um den Lehrer, der für Carlos mit der Zeit eine Art Ersatzvater wird. Leider ist diese Rahmenhandlung ausgesprochen schwach: Ariadna wird ein Geheimnis angedichtet, das nie zufriedenstellend gelöst wird, und man kann nur vermuten, dass sie eine längere psychische Erkrankung hinter sich hat, aber abgesehen von einigen Andeutungen gehen die Autoren Francesc Escribano und Albert Val nicht darauf ein, sondern konzentrieren sich auf ihre Nachforschungen.
Lebendig wird der Film immer dann, wenn er in die Vergangenheit eintaucht, die Regisseurin Patricia Font in warme Herbsttöne hüllt, und hier verwandelt er sich dann in ein klassisches Mentor-Movie. Antonio ist ein sanfter, intelligenter und ausgesprochen bescheidener, sogar demütiger Mann, der als Lehrer in das kleine Dorf geschickt wird und sich zunächst den Respekt der Kinder und ihrer Eltern erarbeiten muss.
Für die damalige Zeit wendet Antonio ausgesprochen moderne Erziehungsmethoden an. Er verzichtet auf Strenge und das sture Pauken von Wissen, sondern vermittelt die Lerninhalte auf spielerische Weise. Auch Gewalt ist tabu, und die Kindern dürfen ihn sogar beim Vornamen nennen. Auf diese Weise wird er ihr Freund und Vertrauter. Zusammen mit den Kindern produziert er eine Reihe von kleinen Heften, in denen sich die Schüler mit bestimmten Themen auseinandersetzen, diese in Aufsätzen beschreiben und eigenhändig bebildern, um sie dann mit anderen Schulen in aller Welt zu tauschen. Und eines der Themen ist das Meer, das noch kein Schüler aus dem Dorf gesehen hat, weshalb Antonio ihnen verspricht, mit ihnen eine Klassenfahrt zu seinem Heimatdorf an der Küste zu unternehmen.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Der bekennende Linke und Atheist Antonio macht sich mächtige Feinde, zu denen auch der lokale Pfarrer gehört, vor allem aber die Franco-Anhänger, die Gegner des Regimes aufspüren, ins Gefängnis bringen oder ermorden. Die Geschichte lässt sich nicht genau zeitlich einordnen, da die Ereignisse außerhalb des Dorfes keine Rolle spielen und nicht erwähnt werden. Insgesamt konzentriert sich die Story auf die Sicht der Kinder, die auch noch Jahrzehnte später, als betagte Senioren, mit Antonios Schicksal hadern. Insofern macht die Rahmenhandlung tatsächlich Sinn, da sie für die Beteiligten die Gelegenheit bietet, mit ihrer Vergangenheit abzuschließen, was bisweilen auch sehr emotional erzählt wird.
Note: 3-