Heretic

Als der Trailer zum Film erschien, hatte ich keine Lust, ihn mir anzuschauen. Auch die Begeisterung für die Geschichte konnte ich nicht nachvollziehen, wirkte der Trailer doch nicht besonders spannend und ließ keine originelle Geschichte erwarten. Aber, höre ich hier einige sagen, Hugh Grant als Bösewicht?! Der ewige Sunnyboy Hugh Grant!! Ja, warum denn nicht? Der Mann hat schon Mitte der Neunzigerjahre einen Imagewandel versucht, als er im Thriller Extrem… mit allen Mitteln auftrat, und auch sein möglicherweise kalkulierter Sexskandal etwa zur gleichen Zeit sollte ihn als bad boy etablieren. Half nur nichts. Aber nun, jenseits des Alters als romantischer Held, darf er endlich in schrägen, bösen und gefährlichen Rollen brillieren. Und er genießt es sichtlich.

Letzten Endes bin ich doch ins Kino gepilgert, ein bisschen wegen Mr. Grant, vor allem wegen Mark G., der den Trailer mochte, und die Kritiken und Zuschauerbewertungen waren ja auch nicht schlecht.

Heretic

Die Mormonen-Missionarinnen Barnes (Sophie Thatcher) und Paxton (Chloe East) gehen von Tür zu Tür, um den Menschen von Jesus und ihrer Kirche zu erzählen. Vor allem die etwas naive, aber neugierige Paxton ist besonders ehrgeizig, hat sie doch, im Gegensatz zu ihrer Schwester im Glauben, bisher noch keine Seele bekehren können. Daher setzt sie ihre Hoffnung auf Mr. Reed (Hugh Grant), der aufgeschlossen zu sein scheint und explizit um Broschüren gebeten hat. An einem regnerischen Abend klopfen sie an seine Tür, ohne zu ahnen, mit wem sie es zu tun haben.

Religions-Bashing ist gerade angesagt, und die christlichen Kirchen machen es ihren Kritikern mit all den hässlichen Skandalen zusätzlich noch leichter, sie an den Pranger zu stellen. Auch der freundliche Mr. Reed, der angibt, sich stark für Religion zu interessieren, nutzt das Gespräch mit den beiden jungen Frauen nur, um ihnen einen Vortrag über die Widersprüche, den Machtanspruch und die zweifelhaften Methoden bei der Gestaltung und Verbreitung organisierter Religion zu halten. Für ihn sind die modernen Glaubensrichtungen allesamt Plagiate oder neuere Versionen älterer Religionen, weshalb er auf der Suche nach der ältesten, der wahren Religion ist – und am Ende seine Wahrheit verkündet.

Als Aufhänger für einen Horrorfilm ist das grundsätzlich nicht schlecht. Ein bisschen zu oberflächlich in der Ausführung, aber man sollte in einem Genrefilm auch keinen theologischen Diskurs erwarten. Hugh Grant hat sichtlich Spaß daran, den freundlichen Creep von nebenan zu spielen, das ändert jedoch nichts daran, dass seine Argumente sich ständig wiederholen. Auf Dauer ist es etwas ermüdend, seinen Ausführungen zuzuhören, und natürlich hat er in den beiden unerfahrenen Frauen auch keinen ernstzunehmenden Gegner – was freilich von ihm gewollt ist.

Als Zuschauer weiß man bereits nach der Sichtung des Trailers, dass dies die altbekannte Story eines Sadisten ist, der neue Opfer in seine Falle lockt, bis diese Story aber endlich an diesem Punkt angelangt ist, dauert es eine ganze Weile. Flott ist der Film leider nicht, besonders spannend auch nicht. Wie Mr. Reed den Religionen kann man auch Scott Beck und Bryan Woods, die Regie geführt und das Drehbuch geschrieben haben, vorwerfen, bei älteren und erfolgreicheren Produktionen abgekupfert zu haben. Auch ihr Werk ist nur eine Variante unter vielen, vielleicht erfolgreicher vermarktet als andere.

Horrorfilme dieser Art leben von der zunehmenden Stärke der Hauptfiguren, und immerhin hier können die Macher ein klein wenig punkten, erweisen sich die beiden jungen Frauen als widerstandsfähiger und kämpferischer als erwartet. Über weite Strecken schleppt sich die Handlung jedoch ereignisarm und langweilig dahin, erst im Showdown gibt es ein klein wenig Spannung.

Dass die Macher anscheinend uneinig waren, ob das Ganze nun gruselig oder doch eher komödiantisch sein soll, zieht sich ebenfalls störend durch den Film. Man kann erstaunlich häufig über Dinge lachen, von denen man glaubt, dass sie eigentlich unheimlich sein sollen, und dass Hugh Grant für seine Rolle bei den Golden Globes in der Kategorie Komödie nominiert wurde, ist ebenfalls bezeichnend. Diese Mischform hat bei anderen Filmen gut funktioniert, hier schadet sie jedoch nur, beraubt er ihn seine Abgründigkeit und seines Schreckens, wenn man das Ausmaß der Bosheit erkennt.

Lässt man die provokante Religionskritik weg, bleibt nur ein schwacher Horrorfilm übrig, wie man ihn schon häufig und meistens wesentlich besser gesehen hat. Das einzige Highlight ist wie so oft Hugh Grant.

Note: 4

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.