Manchmal dauert es etwas länger. Das Drehbuch zum Film kursierte bereits viele Jahre in der Branche, bevor die Dreharbeiten 2021 in Berlin begonnen haben, und landete bereits 2009, als ich noch für den Filmeinkauf diverser Verleiher gearbeitet habe, auf meinem Schreibtisch. Ich konnte mich noch daran erinnern, weshalb ich auch keine große Lust hatte, mir den Film anzuschauen. Aber kurz nach dem Jahreswechsel war mir mal wieder nach einem Horrorfilm, und dies war noch einer der etwas besseren. Und zudem eine gute Ergänzung zu Nosferatu.

Die letzte Fahrt der Demeter
1897 sticht das Handelsschiff Demeter unter Kapitän Elliot (Liam Cunningham) von Varna aus in See. Mit an Bord der farbige Arzt und Astronom Clemens (Corey Hawkins), der trotz seine Medizinstudiums an einer Eliteuni keine Position finden kann und am Rassismus der Gesellschaft verzweifelt. Zur Fracht gehören auch etliche Holzkisten voller Erde, die nach London verschifft werden und für deren fristgerechte Ankunft der Auftraggeber eine hohe Provision zahlen will. Doch dann passieren mysteriöse Todesfälle, das Vieh wird abgeschlachtet, und eine blinde Passagierin (Aisling Franciosi) wird schwer verletzt im Frachtraum entdeckt.
Selbst wenn man Bram Stokers Roman, der aus einer Reihe von Tagebucheinträgen, Briefen und diversen Dokumenten wie dem Logbuch des gestrandeten Schiffs Demeter besteht, nicht kennt, kann man sich denken, was in der Geschichte passiert, wenn man hört, dass dies das Schiff ist, mit dem Dracula nach England gelangt: Nach dem alten Prinzip der, wie man heute wohl sagen sollte, zehn farbigen Minderjährigen, wird ein Seemann nach dem anderen abgeschlachtet, bis nur noch der tapfere Held und die blinde Passagierin übrig bleiben, die mehr über das Monster im Frachtraum weiß, als sie anfangs zugibt.
Die Story ist also arg vorhersehbar und überraschungsarm. Statt auf Jump-Scares setzt Regisseur André Øvredal eher auf eine beklemmende, fast schon klaustrophobische Atmosphäre und einige wenige Spannungsmomente, die aber durchweg gut gelungen sind. Die Kamera von Roman Osin und Tom Stern ist großartig und besticht durch wunderschön fotografierte Aufnahmen des Schiffes im Sturm, die einer gewissen Dramatik nicht entbehren. Zumindest visuell hat der Film einiges zu bieten.
Das gilt leider nicht für das Drehbuch von Bragi F. Schut, das viel zu brav an der Vorlage klebt und lediglich die altbekannten Plotmuster des Genres bemüht. Originalität oder Innovation sucht man hier vergeblich. Die Darsteller agieren durchweg solide, haben aber auch mit schwachen Dialogen und einer etwas kargen Figurenbeschreibung zu kämpfen. Aus der Hauptfigur, einem sozial benachteiligten, rassistisch verfolgten farbigen Gelehrten, hätte man mehr herausholen können. Es erschließt sich nicht so recht ein Zusammenhang zwischen seinen Problemen und dem Kampf gegen das Monster, so dass die Problematik eher aufgesetzt wirkt. Auch seine Beziehung zur blinden Passagierin kommt nicht richtig zum Tragen und verpufft am Ende emotionslos.
Das größte Problem ist jedoch die weitgehende Passivität der Protagonisten, die viel zu lange warten, bis sie aktiv nach dem Monster suchen. Selbst nachdem sie es selbst in Aktion gesehen haben, vergeht noch viel Zeit, bis sie die Jagd aufnehmen. Auch daraus hätte man viel mehr herausholen können, sogar müssen, um nicht an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Dafür funktioniert das Finale dann tadellos.
Alles in allem ein solider, eher grusel- und spannungsfreier Horrorfilm mit vorhersehbarer Handlung, tollen Bildern und einem guten Showdown. Am Ende wird sogar die Möglichkeit einer Fortsetzung angedeutet, man sollte allerdings nicht darauf warten.
Note: 3